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Interne Fokalisierung

Die Bestimmung der Fokalisierung ist nur eines der Analyse-Instrumente innerhalb von Gérard Genettes narratologischem System, welches er in seinem erstmals 1972 veröffentlichtem Buch discours de récit, auf deutsch unter dem Titel Die Erzählung erschienen, darlegt. Fokalisierungen werden dort – eingebettet in Genettes Überlegungen zum Modus der Erzählung – als grundlegende Unterscheidungsinstanzen von Erzählsituationen behandelt und sollen die Frage klären: „Wer sieht?“ bzw.: Welche Figur nimmt das Geschehen wahr? Im Zuge der Beantwortung dieser Frage, die auf der basalen Differenzierung von Modus und Stimme, (fokalisierender Figur versus Erzähler) aufbaut, führt Genette den Terminus Fokalisierung ein.
Als eine von drei übergeordneten Arten der Fokalisierung kategorisiert er neben der externen Fokalisierung und der Nullfokalisierung die interne Fokalisierung (i. F.).
Bei der i. F. wird der ‚Blickwinkel’ einer Figur eingenommen, (während im Falle der Nullfokalisierung, auch unfokalisierte Rede genannt, der Erzähler ‚mehr weiß’ als die Figur und bei externer Fokalisierung dem Leser das Innenleben der Figur verschlossen bleibt).
Die i. F. kann nach Genette weiter subsumiert werden in die feste, die variable sowie die multiple i. F.
Als fest wird die i. F. bezeichnet, wenn „so gut wie nie der Blickwinkel (...) verlassen wird“.
Variabel wäre sie im Falle eines Wechsels der fokalen Figur innerhalb der Erzählung.
Multipel ist der Blickwinkel zu nennen, wenn „ein und dasselbe Ereignis von mehreren (...) Figuren mit je eigenem point of view geschildert oder interpretiert werden kann“, wie dies z. B. für Briefromane gängig ist.
Den idealen Fall einer i. F. findet man im sog. ‚inneren Monolog’ realisiert.
Allgemein bleibt zu bemerken, dass die i. F. in letzter Konsequenz nicht häufig in Erscheinung tritt, was Genettes Beschreibung begründet, denn „dieser narrative Modus [impliziert] ja, daß die fokale Figur ungenannt bleibt, nie von außen beschrieben wird, und daß der Erzähler ihre Gedanken oder Wahrnehmungen nie objektiv analysiert.“
In einem literarischen Text ist höchst selten ausschließlich e i n e r der genannten Fokalisierungstypen verwendet. Oftmals variiert die Fokalisierung und bestimmt jeweils nur ein kurzes Textsegment. Auch mithilfe von Genettes Kategorisierung bleibt also eine trennscharfe Grenzziehung nicht immer einfach.

Literatur:
Genette, Gérard: Die Erzählung. 2. Auflage München 1998.

(K.H.)