Das JuSpiL-Korpus, Zahlen, Daten, Fakten

Das JuSpiL-Korpus entstand in den Jahren 2005 bis 2008 und umfasst circa 150 Stunden auswertbares Gesprächsmaterial. Erhoben wurden sämtliche Daten im Zeltlager der Deutschen Schreberjugend e.V.

Die Gesprächsaufnahmen wurden unter Berücksichtigung verschiedener Forschungsvorhaben erhoben und unterscheiden sich deshalb in Methodik und Qualität der Aufnahmen.

2005 – Forschungsgegenstand : Geschlechtsspezifische Jugendsprache

Eine Jungen- und eine Mädchengruppe wurden über drei Wochen lang aufgezeichnet.[1]           Die Gruppe bildet in Berlin einen Freundeskreis. Die 12 Teilnehmer gehen auf eine Schule, entstammen der gleichen sozialen Schicht und betreiben dieselben Hobbys. Im Zeltlager wurde die Mädchengruppe von der Jungengruppe zur Nachtruhe getrennt. In den Zelten der beiden Gruppen wurden CMT66 Mikrofone der Firma Blaupunkt mit Vorverstärkern versteckt. Die Erlaubnis zum Abhören der Gespräche wurde eingeholt, wobei den Jugendlichen nicht gesagt wurde, wann sie aufgenommen werden. Die Mikrofone wurden an Minidiskrekorder der Firmen Sony und Sharp angeschlossen.

Weiterhin wurden Aufnahmen bei Diskussionen, Filmvorführungen und bei Aktivitäten des Zeltlagers erstellt. Zusätzlich wurden Teilnehmende Aufzeichnungen schriftlich festgehalten. Hier fehlt jedoch eine einheitliche Transkriptionskonvention, da mehrere Nicht-Linguisten die Äußerungen der Jugendlichen festgehalten haben.

Auswertbarer Umfang: circa 5 Stunden: mpg3, häufig Nebengeräusche durch Tiere (Grillen). Teilnehmende Aufzeichnungen: Circa 200 Äußerungen.

2006 - Forschungsgegenstand: Überprüfung der Aufnahmen aus dem Jahre 2005, Erweiterung des Korpus, kommunikative Stile und Code-Switching. Es handelte sich auch in diesem Jahr um die Jugendlichen des Jahres 2005. Das Korpus besteht aus Aufnahmen, die zum Teil – wie oben geschrieben – „geheim“ erstellt wurden. In diesem Jahr ging es allerdings mehr um Aufzeichnungen von Gesprächen mit Betreuern, die abends kurz vor der Nachtruhe ihre Jugendlichen ins Bett brachten. Die Fußball-WM war ein recht häufiges Gesprächsthema. Hinzu kommen Langzeitaufnahmen von mehreren Jugendlichen, denen ein Festplattenrekorder (Archos AV 500) den ganzen Tag mitgegeben wurde, um das Code-Switching zu erforschen.

Auswertbarer Umfang: circa 100 Stunden, wav, teilweise Nebengeräusche.

2007 – Forschungsgegenstand: Ergänzende Aufnahmen, Stichproben, Handygespräche, Sprachökonomie. Der Beitrag des Jahres 2007 stellt für das Korpus zwar keine quantitative, dafür aber eine qualitative Besonderheit dar. Für dieses Jahr wurde von uns eine Java-Software entwickelt, die auf jedem Javafähigen Handy installiert werden konnte. Einige Teilnehmer erklärten sich bereit, ihre Handygespräche aufzunehmen. Hier konnten sehr wichtige Aufnahmen gemacht werden, die die Sprachökonomie aufzeigen. Die Jugendlichen standen bei ihren Gesprächen unter besonderem Druck, da es für sie keine (oder nur wenige) Möglichkeiten gibt, das mobile Telefon aufzuladen. So ist die Sprachökonomie notwendiger Bestandteil des Stromsparens.

Weiterhin wurden Fotos von Briefen an Freunde und Eltern gemacht, die uns die Jugendlichen zur Verfügung stellten.

Auswertbarer Umfang: Circa 3 Stunden, wav, wenige Nebengeräusche. Circa 30 Briefe, die das Schreibverhalten dokumentieren. Passend dazu einige Sprachaufnahmen, die noch nicht digitalisiert wurden.

2008 – Forschungsgegenstand: Code-Switching, Geschlechtsspezifik, Phonologie.

Auf geheime Sprachaufnahmen wurde in diesem Jahr verzichtet. Es sollte vielmehr in gegebenen Situationen beobachtet werden, wie Jugendliche miteinander und mit Betreuern kommunizieren. Zu diesem Zweck wurde ein Rollenspiel von uns entwickelt, in dem es darum ging, den Küchendollarschatz (etabliertes Zahlungsmittel im Zeltlager), welcher gestohlen wurde, zurückzuholen. Es wurden zwei Teilnehmer an bestimmten Punkten im Zeltlager postiert, die dort einige Zeit beobachten sollten, was auf dem Lagerplatz passiert. Ihnen wurde nicht gesagt worum es ging. Im Abstand von einiger Zeit kamen Betreuer aus der Küche (Lagerort des Küchendollarschatzes), bewegten sich auffällig (z.B.) mit einem Spaten und einem Rucksack in den Wald, spielten Gitarre und gingen dann mit der Gitarrentasche in die Küche und wieder heraus etc. Natürlich passierten auch Dinge, die mit der Geschichte nichts zu tun hatten. Im Anschluss an die Beobachtungszeit wurden Kurzinterviews mit den Beobachtern geführt, um das Gesehene nochmals zu festigen. Die Beobachter wurden nun zu Informanten für die Detektiv-Gruppen – bestehend aus einer Jungen- und einer Mädchengruppe – die sich fragend mit Aufnahmegerät durch die Teilnehmer und die Betreuer arbeiten mussten. Natürlich stießen die Detektive nicht immer auf Verständnis, da ja nicht jeder Betreuer oder Teilnehmer wusste, worum es ging. Sobald aber die Informanten gefunden wurden, waren Anhaltspunkte da, die die Ermittlungen vorantrieben.

Weiterhin wurden Spontanaufnahmen von einigen Mädchen und Jungen angefertigt, die bereits seit 2005 im Zeltlager beobachtet wurden. Diese Spontanaufnahmen sind aus soziologischer Sicht sicherlich interessanter als aus linguistischer, da die Mädchen zum ersten Mal seit Jahren über ihr privates Umfeld sprechen.

Auswertbarer Umfang: mehrere Stunden, wav, nur teilweise gesichtet, gute Tonqualität.

 

Zusammenfassung: Das JuSpiL-Korpus umfasst weit über 100 Stunden Gesprächsaufnahmen von circa 40 Jugendlichen in den unterschiedlichsten Situationen. Besonderer Wert wurde darauf gelegt, dass EINE Gruppe, die auch außerhalb des Zeltlagers Kontakt miteinander hat, über Jahre hinweg beobachtet wird.


[1] Die Jugendlichen des Jahres 2005 waren auch in den folgenden Jahren Grundlage der Sprachaufnahmen, obwohl sich die Struktur leicht änderte. Im Jahr 2008 war ein Mädchen der Gruppe als Jugendgruppenleiterin im Zeltlager.

Deutsche Forschungsgemeinschaft