Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe

Praxis von Gerichtsverfahren – Zur vergleichenden Mikrosoziologie von Strafgerichtsverfahren

Projektleitung: Dr. Thomas Scheffer

Laufzeit: 2000-2010

  
Bei der Entwicklung einer Mikrosoziologie von Rechtsverfahren handelt es sich um ein methodologisches Unternehmen mit systematischer Zielrichtung: Wie lassen sich institutionalisierte Situationen, wie z.B. Gerichtsverhandlungen, Fernsehinterviews oder Einstellungstests, in ihrem Verlauf so analysieren, dass nicht nur die Beiträge zum Interaktionssystem, sondern auch zum gespeisten Verfahren hervortreten? Wie lässt sich die Analyse für gleichzeitig und zusätzlich angesprochene, aktuell aber abwesende Öffentlichkeiten sensibilisieren?

Diese Fragen werden mithilfe ethnographischer Kommunikationsanalysen angegangen. Neben Beobachtungen von Gerichtsverhandlungen und die Nutzung von Transkripten und Protokollaufzeichnungen, werden Fall-Vorbereitungen in der Anwaltskanzlei herangezogen. Es soll deutlich werden, welchen Charakter die Gerichtsverhandlungen haben. Wie weitgehend folgen sie vorgefertigen Skripten? Welches Vorwissen wird auf welche Weise in Gerichtsverhandlungen mobilisiert? Derlei Problemstellungen sollen ausgehend von der ersten Anforschung im englischen Kontext auf weitere Rechtssysteme ausgeweitet werden. In der späteren internationalen Forschungsgruppe sollen ethnographische Studien zu den USA, zu Frankreich und Deutschland entstehen. Ethnographische Kommunikationsanalysen vermögen methodologische Innovationen anzustoßen, weil sie selbst nicht schon den Kontext (z.B. die Gerichtsverhandlung als Konversation) voraussetzen müssen, mittels dessen sie Interpretationen gewinnen. Die praktische Rahmung einer Gerichtsverhandlung kann höchst unterschiedlich sein. Dies zeigt sich insbesondere dort, wo das Publikum oder allgemeiner, die soziale Perzeption organisiert wird. Ist das relevante Publikum anwesend oder abwesend? Fußt die Falldarstellung auf Aktenmaterial oder auf verkörperten Vorführungen? Werden Vorführungen festgehalten und wenn ja wie und für welche Instanzen? Sind die Perzeptoren gezwungen, ihre Sicht der Dinge darzulegen und wenn ja, in welcher Form? Auf diesem Wege gilt es, formale Begriffe der Mikrosoziologie (wie Teilnehmer, Beiträge, Publikum etc.) aus der intimen Kenntnis der Praxis heraus zu modellieren.

       

Zentrale Publikationen des Projektes:

Kati Hannken-llljes, Alexander Kozin, Thomas Scheffer: How Courts know. Comparing English Crown Court, U.S.-American State Court, and German District Court. Space and Culture, 12 (2) 2009, S. 183-204.

Thomas Scheffer, Matthias Michaeler, Jan Schank: Sterine und Schwache Verfahren. Ein explorativer Vergleich der Englischen "Hutton Inquiry" und dem "CIA-Ausschuss" der EU. Zeitschrift für Soziologie, 37(5) 2008, S. 423-444.

Evamaria Heisler, Elke Koch, Thomas Scheffer (Hg.): Drohung und Verheißung. Mikroprozesse in Verhältnissen von Macht und Subjekt, Freiburg im Br.: Rombach 2007.

Kati Hannken-llljes, Alexander Kozin, Thomas Scheffer: Time and Discourse. Special Issue, in: Forum Qualitative Sozialforschung. Online Journal, 8(1) 2007.

Thomas Scheffer, Paula Diehl, Henning Grunwald u. Christoph Wulf (Hg.): Performanz des Rechts. Inszenierung und Diskurs. Special Issue, Paragrana – Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Berlin: Akademie Verlag 2006.