Teilprojekt B14

Musiktheater im Spannungsfeld von Notation und Performance. Prozesse der Dynamisierung und Verstetigung im 19. Jahrhundert und der Gegenwart im Vergleich

Projektleitung: Jun.-Prof. Clemens Risi

Laufzeit: 01/2008-12/2010

Dieses in dieser letzten Phase des Sonderforschungsbereichs neu eingerichtete Teilprojekt zum Musiktheater konnte an Forschungsergebnisse anschließen, die der Projektleiter und die Projektmitarbeiterin PD Dr. Christa Brüstle in anderen Teilprojekten des Sonderforschungsbereichs in vorherigen Förderphasen (B01/Fischer-Lichte sowie B02/Riethmüller) erarbeitet haben, insbesondere zur Performativität von Opernaufführungen sowie zu Veränderungen der Konzertpraxis seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Den Ausgangspunkt des Teilprojekts bildeten die Beobachtung und eine kritische Stellungnahme dazu, dass die Opern- und Musiktheaterforschung sich in der Regel als Kompositionsgeschichte versteht. Denn ausgeklammert blieb bisher die Aufführungsdimension, das heißt das tatsächliche Produzieren, Inszenieren, Hervorbringen einer Aufführung (mit Sängern, Instrumentalisten, Regie, Bühnenbild, Licht, allen an der Aufführung Beteiligten) sowie die Wahrnehmung von Musiktheater in der Aufführung. Um diesem Desiderat zu begegnen, wurde das Verhältnis von Notation, also Vorschrift in Texten und Partituren, auf der einen Seite und tatsächlicher Ausführung auf der anderen Seite in den Blick genommen, und zwar im Musiktheater des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart im Vergleich. Dieser Vergleich führte zu dem Ergebnis, dass mit einem historisch je unterschiedlichen Spannungsverhältnis von Notation und Performance zu rechnen ist. Daher konnte als leitende Perspektive, sowohl für das gesamte Teilprojekt wie auch für alle Unterprojekte, die Begriffstrias „Macht, Ohnmacht, Zufall“ identifiziert werden. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass sich diese drei Begriffe in besonderer Weise eignen, die Dynamiken und Prozesse zu beschreiben, die im Verhältnis von Notation und Performance bestehen, in der Zusammenarbeit, aber auch im Konflikt zwischen Komponisten und Ausführenden, zwischen Regisseuren und Sän-gern, zwischen Ausführenden und Publikum usw. Folgende Fragen leiteten daher unsere Forschungen: Wer hat die Macht über die Aufführung? Lässt sich eine Aufführung planen, vorherbestimmen? Lässt sich der Zufall regieren?

Für die einzelnen Untersuchungen in den Unterprojekten wurden demzufolge drei zentrale Aspekte ausdifferenziert:

a)   Der erste Untersuchungsaspekt („Historische Aufführungspraxis und Regietheater“) betraf das hierarchische Verhältnis zwischen Text und Aufführung, insbesondere am Beispiel von Richard Wagner und Giuseppe Verdi. Untersucht wurden Möglichkeiten und Grenzen der Determination von Aufführungen (z. B. durch Regie- und Ausdrucksanweisungen) in der historischen Auf- führungspraxis und im Regietheater der Gegenwart.

b)   Der zweite Untersuchungsaspekt („Notierte/produktive Überforderung, Grenzen der Notation“) fokussierte die Dimension der kompositorischen Strategien von aufführungspraktischer Freiheit, Unbestimmtheit, aber auch Überforderung und Unterforderung, und den interpretatorischen Umgang mit diesen Strategien sowie die Reaktionen des Publikums auf diese Entwicklungen. Untersucht wurden Notationsstrategien (im 19. Jahrhundert und in der Gegenwart), die durch eine bewusste Überforderung bzw. Unterforderung der Interpreten an die Grenzen der Ausführungsmöglichkeiten stoßen.

c)   Der dritte Untersuchungsaspekt widmete sich der Erfahrungs- und Wahrnehmungsdimension von Musiktheater. Fragen zur Partizipation in Live- wie mediatisierten Aufführungssituationen standen im Mittelpunkt dieses Untersuchungsaspekts.

  
Projektspezifische Publikationen der letzten Förderphase:

Rainer Simon: Konzert der Sinne: Analyse der Wahrnehmung von Musikaufführungen, Freiburg im Breisgau: Rombach 2018.

Clemens Risi: Oper in performance. Analysen zur Aufführungsdimension von Operninszenierungen, Theater der Zeit Recherchen 133, Berlin 2017.

Clemens Risi, Robert Sollich, Anna Papenburg (Hg.): Wann geht der nächste Schwan? Aspekte einer Kulturgeschichte des Wunders. Ein Symposion in Bayreuth, Leipzig: Henschel 2011.

Christa Brüstle, Clemens Risi, Stephanie Schwarz (Hg.): Macht, Ohnmacht, Zufall – Aufführungspraxis, Interpretation und Rezeption im Musiktheater, Berlin: Theater der Zeit 2011.

Clemens Risi: Encore! Oper wiederholen. Wiederholen als strukturelle und ästhetische Praxis der Probe und der Oper, in: Melanie Hinz/Jens Roselt (Hrsg.): Chaos und Konzept: Proben und Probieren im Theater, Berlin/Köln: Alexander Verlag 2011, S. 97-108.

Clemens Risi: “Opera in Performance – In Search of New Analytical Approaches,” in: The Opera Quarterly 27 (2011), No. 2-3, S. 283-295.

Clemens Risi, Matthias Warstat, Robert Sollich, Heiner Remmert (Hrsg.): Theater als Fest – Fest als Theater. Bayreuth und die moderne Festspielidee, Leipzig 2010.

Clemens Risi: Wagner and German Regietheater: In Search of New Analytical Approaches, in: The Wagner Journal 3 (2009), n. 1, S. 14-19.

Christa Brüstle: „Ganz natürlich gehen“. Zur Körperperformance im Musiktheater, in: Marion Demuth/Jörn Peter Hiekel (Hrsg.): Freiräume und Spannungsfelder. Reflexionen zur Musik heute. Kolloquium im Rahmen der 20. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik, Mainz 2009, S. 211-219.

Christa Brüstle: Klang als performative Prägung von Räumlichkeiten, in: Moritz Csáky/Christoph Leitgeb (Hrsg.): Kommunikation – Gedächtnis – Raum. Kulturwissenschaften nach dem „Spatial Turn“, Bielefeld 2009, S. 113-129.

Christa Brüstle: Timekeepers – Sound Artists – Drum Machines: Studies of Notation and Performance in Contemporary Music for Solo Percussionist, in: twentieth-century music 6 (2009), S. 63-81.

Stephanie Schwarz: Towards a new perception: The music theatre of Heiner Goebbels, in: Giordano Ferrari (Hrsg.): Pour une scène actuelle, Dramaturgie Musicale Contemporaine en Europe 4, Paris 2009, S. 93-106.

Christa Brüstle, Clemens Risi: Aufführungsanalyse und -interpretation. Positionen und Fragen der „Performance Studies“ aus musik- und theaterwissenschaftlicher Sicht, in: Andreas Ballstaedt/ Hans-Joachim Hinrichsen (Hrsg.): Werk-Welten. Perspektiven der Interpretationsgeschichte, Schliengen-Liel 2008, S. 108-132.

Clemens Risi: Die neuen Meistersinger und die Angst vor der Zerstörung, in: Robert Sollich/ Clemens Risi/Sebastian Reus/Stephan Jöris (Hrsg.): Angst vor der Zerstörung – Der Meister Künste zwischen Archiv und Erneuerung (= Recherchen 52), Berlin 2008, S. 272-279; auch abgedruckt in: Das Festspielbuch 2008, hrsg. von Wolfgang Wagner, Bayreuth 2008, S. 104- 109; englische Übersetzung S. 110-115; französische Übersetzung S. 116-121.