Teilprojekt B10

Stimmen als Paradigmen des Performativen

Projektleitung: Prof. Dr. D. Kolesch

Laufzeit: 04/2002-12/2010

Ziel der Arbeit des Teilprojekts war es, eine performative Ästhetik der Stimme zu entwickeln. Die Stimme kann aufgrund ihrer Flüchtigkeit, ihrer Eindringlichkeit, ihres Vermögens der Verringerung oder Überschreitung körperlicher Grenzen, ihrer Verfasstheit zwischen Materialität und Immaterialität sowie ihrer medialen und technischen Dispositionen als ein Paradigma des Performativen verstanden werden. Dabei bündeln sich in der Stimme verschiedene Aspekte von Performativität. Erstens ihr konkreter Aufführungscharakter mit körperlichen, zeiträumlichen und wahrnehmungsspezifischen Kennzeichen. Zweitens ihr medialer Charakter, der die Rede zu kommentieren, zu deuten oder zu unteraufen vermag. Drittens der iterative Charakter, der historische udn identitätsspezifische Merkmale (Geschlecht, Sexualität, Alter, Krankheit, soziale Gruppenzugehörigkeit und geographische Herkunft) zitierend mit sich führt bzw. performativ reinszeniert. Entsprechend lagen die Schwerpunkte der Arbeit des Teilprojekts auf der Untersuchung dieser drei wesentlichen Dimensionen stimmlicher Performativität. Es beschäftigte sich mit vielfältigen Stimminszenierungen, -erprobungen und -experimenten im Theater und den anderen Künsten im 20. Jahrhundert, insbesondere seit den 1960er Jahren.

In der letzten Förderphase standen zwei Themen im Vordergrund des Teilprojekts, welche die Ausarbeitung einer performativen Ästhetik der Stimme zu einem vorläufigen Abschluss führen sollten:

1.)  Die potentiell negativen Dimensionen von stimmlichen Verlautbarungen im Sinne von Gewaltsamkeit, Machtausübung, Überwältigung, Zerstörung,

2.) Das Zusammenspiel und die Übergängigkeit von Stimmen mit anderen akustischen Phänomenen (Musik, Geräusch, Sound etc.) sowie die damit einhergehende Entwicklung einer Kategorie der ‚auditiven Aufmerksamkeit‘, welche nicht nur stimmliche, sondern auch andere akustische Elemente berücksichtigt.


  
Projektrelevante Publikationen der letzten Förderphase:

Doris Kolesch, Vito Pinto, Jenny Schrödl (Hg.): Stimm-Welten. Philosophische, Medientheoretische und ästhetische Perspektiven, Bielefeld: transcript 2009.

Doris Kolesch: „Shakespeare hören“, in: S. Schülting (Hg.), Shakespeares Klangwelten. Shakespeare Jahrbuch Bd. 144/2008, Bochum: Kamp 2008, S. 11-27.

Doris Kolesch: „Die Faszination der hohen Männerstimme“, in: N. Gess/T. Hartmann/R. Sollich (Hg.), Barocktheater heute. Wiederentdeckungen zwischen Wissenschaft und Bühne, Bielefeld: transcript 2008, S. 83-87.

Vito Pinto (zus. mit J. Schrödl): „Körperstimme – Körperlose Stimme“, in: A. Stahmer (Hg.), The Body of the Voice / Stimmkörper, Köln: Salon 2009, S. 89-91.

Vito Pinto: „(Zeige-)Spuren der Stimme. Zur technischen Realisierung von Stimmen im zeitgenössischen Theater“, in: H. Wenzel/L. Jäger (Hg.), Deixis und Evidenz, Freiburg: Rombach, S. 169-193.

Katharina Rost: „Lauschangriffe. Das Leiden anderer spüren“, in: D. Kolesch/V. Pinto/J. Schrödl (Hg.), Stimm-Welten. Philosophische, medientheoretische und ästhetische Perspektiven, Bielefeld: transcript, S 171-187.

Jenny Schrödl: „Stimme und Emotion. Affektive Wirksamkeiten im postdramatischen Theater“, in: Forum Modernes Theater 24/2 (2009), S. 169-182.

Jenny Schrödl: „Schreiarien und Flüsterorgien. Stimmen als Oberflächenphänomene im Theater René Polleschs“, in: Mehr als Schein. Ästhetik der Oberfläche in Film, Kunst, Literatur und Theater, hg. von Gruppe Oberflächenphänomene, Zürich/Berlin: Diaphanes 2008, S. 117-129.