Teilprojekt A09

Zur Performativität von Kulturbegegnungen - Anglo-osmanische Kontakte in der Frühen Neuzeit

Projektleitung: Prof. Dr. Sabine Schülting

Laufzeit: 01/2008-12/2010

Im Zentrum des Teilprojekts stand in der Förderphase 1.) die Erweiterung der Performativitätsforschung durch den Blick auf die Prozesshaftigkeit und die Potentialität interkultureller Begegnung und 2.) die Ergänzung der vorliegenden primär diskurstheoretisch bzw. ideologiekritisch ausgerichteten Forschung zu anglo-osmanischen Kulturbegegnungen der Frühen Neuzeit durch ihre Perspektivierung aus performativitätstheoretischer Sicht. Die Ausgangshypothesen des Teilprojekts lauteten, dass 1.) (nicht nur) in der Frühen Neuzeit in der Begegnung einander weitgehend unbekannter Kulturen die konkreten Bedingungen des Kulturkontakts im Moment der Begegnung ausgehandelt werden (müssen); 2.) solche Begegnungen einen Raum der Potentialität eröffnen, in dem die Zukunft der ökonomischen, militärischen, religiösen etc. Kontakte offen ist; 3.) Texte über die Begegnung (Reise- und Diplomatenberichte, Theaterstücke) selbst als performativ zu verstehen sind, Begegnungsräume eröffnen und die Begegnung (re-)inszenieren; 4.) die Performativität der Kulturbegegnung im 16. und 17. Jahrhundert angesichts der Theatralisierung der frühneuzeitlichen englischen Kultur von besonderer Bedeutung ist.

Die Projektarbeit begann zunächst mit der Erschließung des zu bearbeitenden Korpus von Primärtexten (die z.T. nur im Rahmen von Forschungsaufenthalten in der British Library gesichtet werden konnten), der Erstellung einer umfassenden Bibliographie zum Thema sowie der Überprüfung der Tragfähigkeit von performativitätstheoretischen Ansätzen (ethnologische, linguistische und theaterwissenschaftliche Ansätze, poststrukturalistische Performativitätstheorien) für frühneuzeitliche Kulturbegegnungen. Es erwies sich zudem als notwendig, zwischen dem Prozess der Kulturbegegnung, textueller Performativität und dramatischer Inszenierung stärker zu differenzieren und die Spannung zwischen diesen Ebenen zu problematisieren. Die ‚ursprüngliche‘ Performativität des Kontakts lässt sich einerseits als Text- oder Bühneneffekt beschreiben; andererseits verweisen Brüche im Text auf Momente, in denen sich der tatsächliche Verlauf der Begegnung der Sinnstiftung des Textes entzieht. Schließlich musste Stephen Greenblatts These vom „Renaissance self-fashioning“ für die frühneuzeitlichen Kulturkontakte im Osten revidiert bzw. differenziert werden. Stellt sich die – primär diskursive – Selbstschöpfung bei Greenblatt letztlich als neue Form der Selbstermächtigung des Individuums an der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit sowie als Beginn einer modernen Form spezifisch westlicher Sensibilität dar, lässt sich das ‚self-fashioning‘ der englischen Reisenden als (selbstreflexive) Reaktion auf ihre weitgehende Machtlosigkeit im Osmanischen Reich fassen.

  
Projektrelevante Publikationen der letzten Förderphase:

Early Modern Encounters with the Islamic East: Performing Cultures, ed. by Sabine Schülting, Sabine Lucia Müller and Ralf Hertel, Farnham: Ashgate 2012.

Ralf Hertel: Bragging Turks and Winning Words: Solo-Performances in Anglo-Ottoman Encounters – The Case of Christopher Marlowe’s Tamburlaine the Great, in: U. Berns (Hg.), Early Modern Solo-Performances, Amsterdam: Rodopi 2010, S. 249-268.

Wibke Joswig: Painting the ‚Orient‘? Dosso Dossi’s Melissa, in: R. Hertel/S. L. Müller/S, Schülting (Hg.), Cultures at Play: Encounters with the East in the Early Modern Age.

Sabine Lucia Müller: ‚Striking the Right Note‘: Thomas Dallam’s Negotiation of Alterity in Istanbul (1599), in: C. Wulf (Hg.), Kontaktzonen: Dynamik und Performativität kultureller Begegnungen. Paragrana – Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Bd. 19, Heft 2 (2010), S. 77-89.

Sabine Lucia Müller: William Harborne’s Embassies: Scripting, Performing and Editing Anglo-Ottoman Diplomacy, in: R. Hertel/S. L. Müller/S. Schülting (Hg.), Cultures at Play: Encounters with the East in the Early Modern Age.

Sarah Sallmann: Performing the Self and Staging the Other: Scripting the Legend of Lucretia in Early Modern England, in: C. Wulf (Hg.), Kontaktzonen: Dynamik und Performativität kultureller Begegnungen. Paragrana – Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Bd. 19, Heft 2 (2010), S. 44-59.

Sabine Schülting: ‚An other kind of civilitie‘: (Un)Höflichkeit in ‚Orient‘-Reisen der Frühen Neuzeit, in: Zeitsprünge: Forschungen zur Frühen Neuzeit, Bd. 13, Heft 3/4 (2009), S. 364-378.

Sabine Schülting: Strategic Improvisation: Henry Blount in the Ottoman Empire, in: R. Hertel/S. L. Müller/S. Schülting (Hg.), Cultures at Play: Encounters with the East in the Early Modern Age.