Teilprojekt A08

Die Performativität fotografischer Menschenbilder. Strategien der Erfassung, Formung und Einverleibung

Projektleitung: Prof. Dr. Klaus Krüger

Laufzeit: 06/2005-12/2010

Ausgangspunkt des Teilprojektes war die These, dass Bilder nicht nur als Ausdruck und Zeugnis kultureller Wandlungsprozesse fungieren, sondern vielmehr im generativen Sinn an ihnen teilhaben und formend auf sie einwirken. Aus dieser doppelten Perspektive legte das Projekt sein Augenmerk auf die Formulierung und Formierung von Menschenbildern im 20. Jahrhundert. Zu Beginn der letzten Förderphase (2008-2010) wurde die Arbeit des Teilprojektes neu ausgerichtet. Ziel war es nun, sich der besonderen Bedeutung und Funktion zu widmen, die dem fotografischen Bild in kulturellen Wandlungsprozessen zukommt.

Die Problemstellung basiert auf der in der ersten Förderphase (2005-2007) eingehend erfolgten, theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema „inszenierte Fotografie“ und näherhin mit der Frage nach dem bislang meist als gegenpolig angenommenen Verhältnis von dokumentarischen und inszenatorischen Aspekten des fotografischen Bildes. Hierbei erwies es sich, dass der Begriff des Performativen eine Schlüsselkategorie darstellt, um die Inszeniertheit und mithin das ‚Aufgeführtsein‘ von Fotografie in angemessener Weise zu analysieren. Entscheidende theoretisch-methodische Impulse erhielt die Arbeit des gesamten Teilprojektes von so genannten Handlungstheorien des Bildes, die den Fokus der Untersuchung in Anlehnung an die Theorie der Sprechakte und deren Erweiterung vonseiten der Kulturwissenschaften auf den „Bildakt“ (Horst Bredekamp) und näherhin auf den „fotografischen Akt“ (Philippe Dubois) lenken. Hieran anknüpfend und unter Einbezug des im Sonderforschungsbereich 447 „Kulturen des Performativen“ zuvor Geleisteten versteht das Teilprojekt A8 „Fotografie“ nicht (nur) im Sinne des materialiter vorliegenden Artefakts, sondern als „das Fotografische“, als „Fotografie im Vollzug“ – also im Sinne ihrer Herstellung, Veröffentlichung und Zirkulation, die als untrennbar miteinander verbunden und aufeinander bezogen zu denken sind. So ist beispielsweise mit Blick auf fotografische Serien oder Fotobücher unter anderem die spezifische Rezeptionssituation – das heißt das Blättern oder besser: das Erblättern, das die Einzelbilder gleichsam animiert – mit in die Überlegungen einzubeziehen. Erst vor diesem Hintergrund erweisen sich Fotografien nicht als in sich geschlossenes Kunstwerk, sondern als Teil eines vielgestaltigen, relationalen Gefüges, das nicht nur aus performativen Prozessen ersteht, sondern diese auch zu generieren vermag, indem sie ein zukünftiges Menschenbild und mit ihm soziale Ordnungen nicht nur antizipieren, sondern in Form regelrechter ‚Handlungsanweisungen‘ gezielt herbeiführen.

Gegenstand der Untersuchung waren fotografische Bildnisse von Angehörigen verschiedener ethnischer, sozialer und historischer Zugehörigkeiten, die sich im doppelten Wortsinn als ‚Menschenbilder‘ begreifen lassen. In diesem Zusammenhang liegt der Fokus beider Unterprojekte auf visuellen Strategien, die sich Verfahren der fotografischen Erfassung, antizipatorischen Formung und symbolischen Einverleibung bedienen und dabei gemeinsame Vorläufer in anthropologischen und ethnografischen Inventaren besitzen, die ihrerseits ordnend auf die empirische Erfahrung von ‚Welt‘ einwirkten und diese damit performativ herstellten.

   
Projektrelevante Publikationen der letzten Förderphase:

Klaus Krüger, Leena Crasemann, Matthias Weiß (Hg.): Re-Inszenierte Fotografie, München: Fink 2011.

Klaus Krüger, Leena Crasemann, Matthias Weiß (Hg.): Um/Ordnungen. Fotografische Menschenbilder zwischen Konstruktion und Destruktion, München: Fink 2010.

Klaus Krüger, Matthias Weiß: Tanzende Bilder. Interaktionen von Musik und Film, München: Fink 2008.

Leena Crasemann (2010): Transkulturalität. Ansichten und Einsichten, in: K. Gludovatz/A. Middel- beck-Varwick (Hg.), Gender im Blick. Geschlechterforschung in kulturwissenschaftlicher Perspektive, Frankfurt am Main u. a., S. 197-214.

Leena Crasemann (2010): Ausblendungen. Zur Frage des weißen Subjekts in den fotografischen Inszenierungen von Lisl Ponger, in: K. Krüger/L. Crasemann/M. Weiß (Hg.), Um/Ordnungen. Fotografische Menschenbilder zwischen Konstruktion und Destruktion, München: Fink, S. 219- 236.

Matthias Weiß (2010): Was ist ‚inszenierte Fotografie‘? Eine Begriffsbestimmung, in: L. Blunck (Hg.), Fotografische Wirklichkeit. Inszenierung – Fiktion – Narration, Bielefeld: transcript, S. 37-52.

Matthias Weiß (2010): Weiße Frau in wessen Kleid? Alte und neue Betrachtungen zur Odaliske anlässlich der bemalten Fotografie Legend von Pierre et Gilles, in: K. Krüger/L. Crasemann/

M. Weiß (Hg.), Um/Ordnungen. Fotografische Menschenbilder zwischen Konstruktion und Destruktion, München: Fink, S. 193-218.

Matthias Weiß (2009): Vermessen – fotografische ‚Menscheninventare‘ vor und aus der Zeit des Nationalsozialismus, in: I. Reichle/S. Siegel (Hg.), Maßlose Bilder. Visuelle Ästhetik der Trans- gression, München: Fink, S. 359-377.