Teilprojekt A06

Theatrum Scientiarum. Performanz von Wissen als Agens kulturellen Wandels

Projektleitung: Prof. Dr. Helmar Schramm

Laufzeit: 09/2000-12/2010

In der insgesamt neunjährigen Laufzeit widmete sich das Teilprojekt „Theatrum Scientiarum“ der theoretischen und historischen Erforschung der Performanz von Wissen. Zu Beginn wurden in theoretisch-methodischer Hinsicht performative Momente bei der Herausbildung neuer Wissensformen im 17. Jahrhundert sondiert. Damit sind die Voraussetzungen für die kontinuierliche Weiterführung und inhaltliche Ausrichtung des Projekts geschaffen und zentrale Neuakzente innerhalb der Theater- wie auch der Wissenschaftsgeschichte gesetzt worden.

Hatte sich das Teilprojekt „Theatrum Scientiarum“ in der ersten Förderphase auf Schauplätze, Instrumente und Praktiken des wissenschaftlichen und künstlerischen Experiments im 17. Jahrhundert konzentriert, so bezogen wir in der zweiten Phase auch Kunstexperimente der historischen Avantgarden als originelle Weise der Kreation von Fragestellungen, Erfahrungen und Wissen in diese Untersuchungen mit ein, um dissonante Relationen der Avantgarden des 20. Jahrhunderts zur frühneuzeitlichen Experimentalkultur aufzudecken. Ausgangspunkt dieser Erforschung der ‚Spuren der Avantgarde‘ – basierend auf einem theoretisch fundierten und kontinuierlich weiterentwickelten Begriff der Spur – war die These, dass sich die avantgardistische Kunst des 20. Jahrhunderts (ungeachtet ihres Scheiterns) als großangelegte Experimentalanordnung deuten lässt. Einen programmatischen Schwerpunkt bildete eine durch die Avantgarden motivierte radikale Infragestellung kulturprägender Blickschranken, um weitreichende Vernetzungen performativer Wissenskulturen im historischen Raum sichtbar zu machen. Experimentelle Kunst und Wissenschaft der Avantgarden erwiesen sich hierbei als originäre Formen performativen Wissens und als Produktionsstätten virulenter Fragestellungen, die sich in letzter Konsequenz gerade auf frühe Ursprünge der Moderne bzw. auf die Emergenz der modernen Wissenschaft und Kunst richten.

Darauf aufbauend galt es in der abschließenden Förderphase 2008-2010, die Performanz von Wissen als dynamischen und dynamisierenden Prozess, als Agens kulturellen Wandels im Zeichen einer vertiefenden Betrachtung des avantgardistischen Neuverständnisses des Experimentellen für wissens- und wissenschaftsgeschichtliche Zusammenhänge der Frühen Neuzeit zu untersuchen. Aufbauend auf die Ergebnisse unserer Forschungen zu den zeittypischen und nachhaltig fortwirkenden Wissensfeldern Theatrum machinarum, Theatrum anatomicum und Theatrum alchemicum konzentrierte sich die Projektarbeit nun auf die Erforschung insbesondere ökonomischer Dynamiken in der Performanz von Wissen sowie – den gesamten Förderzeitraum gleichsam resümierend – auf die politischen Implikationen experimenteller Wissenspraktiken. Der für das Teilprojekt grundlegende methodologische Ansatz einer „kulturhistorischen Komparatistik“ wurde mit Blick auf ökonomische Fragestellungen weiter entwickelt.

  

Projektrelevante Publikationen der letzten Förderphase:

Daniela Hahn: Tourbillons et turbulences. Zu einer Ästhetik des Experiments in Étienne-Jules Mareys „Machines à fumée“, in: Wirbel, Ströme, Turbulenzen. Ilinx. Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft, Bd. 1, Berlin: Philo Fine Arts 2009 (erschienen 2010), S. 43-70.

Michael Lorber: Alchemie, Elias artista und die Machbarkeit von Wissen in der Frühen Neuzeit, in: M. Hundt/S. Ohlendorf (Hg.), Tagungsband der Internationalen Tagung „Wissensdiskursivierungen. Themen, Medien und Räume des Wissens vom 14. bis zum 18. Jahrhundert“ vom 26.-28.11.2009 an der Christian Albrechts-Universität Kiel (FZ Diskursivierung von Wissen in der Frühen Neuzeit) [Datum der Einreichung: 10.05.2010].

Helmar Schramm, Ludger Schwarte und Jan Lazardzig (Hgs.), Spuren der Avantgarde: Theatrum alchemicum. Frühe Neuzeit und Moderne im Kulturvergleich, Berlin/New York: de Gruyter 2017.

Helmar Schramm (mit B. Sušec Michieli): Pathos and Melancholy: Rethinking ‚Theatre‘ in Times of Doubt, in: Theatre Research International, 34, Cambridge Press 2009, S. 278-293.

Helmar Schramm, Ludger Schwarte, Jan Lazardzig (Hg.): Instruments in Art and Science. On the Architectonics of Cultural Boundaries in 17th Century. Berlin: de Gruyter 2008.

Helmar Schramm, Ludger Schwarte, Jan Lazardzig (Hg.): Spuren der Avantgarde: Theatrum Machinarum. Berlin: de Gruyter 2008.

Jan Lazardzig: Das Labyrinth der Welt. Raumwahrnehmung und Wissensproduktion im 17. Jahrhundert, in: K. Röttger (Hg.), Welt-Bild-Theater, Bd. 1: Theatralität von Wissen, Politik der Medien, Tübingen: Gunther Narr Verlag 2010, S. 25-35.

Viktoria Tkaczyk: Himmels-Falten. Zur Theatralität des Fliegens in der Frühen Neuzeit, München: Fink 2011.

Viktoria Tkaczyk: Performativität und Wissen(schaft)sgeschichte, in: K. W. Hempfer (Hg.), Performativität, Theoriebildung, Autoreflexivität, Bielefeld: transcript 2011.