Teilprojekt A02

Emotionalität in der Literatur des Mittelalters

Projektleitung: Prof. Dr. Ingrid Kasten

Laufzeit: 01/1999-12/2010

Ziel des Projekts war es, die in der Forschung bislang noch nicht systematisch erfasste Gestaltung von Emotionen in der Literatur des Mittelalters mit einem performativitätstheoretischen Ansatz zu erschließen. Das Paradigma der Performativität erwies sich als offen für den Anschluss an weitere Theoriebildungen (u.a. Sprachphilosophie, Literatur- und Theaterwissenschaft, Ritualforschung, Gendertheorie) und ermöglichte es, Strategien der Ästhetisierung und Normierung von Emotionen analytisch differenziert zu erfassen. Untersucht wurden zentrale Emotionskomplexe (Trauer, Liebe, Zorn und Neugier) in synchroner und diachroner Perspektive. Dabei wurde ein begriffliches Instrumentarium entwickelt (Performativität, Performanz, Ritualisierung, Inszenierung, Verkörperung), mit dem Emotionsgestaltungen analysiert werden können, ohne dass sie unter neuzeitlichen Prämissen ‚psychologisiert‘ werden. Die Tragfähigkeit dieses Instrumentariums hat sich in einer Reihe von Studien bewährt und sich über die Projektarbeit hinaus als anschlussfähig erwiesen. Durch den kritisch reflektierenden Bezug auf Methoden, Erkenntnisinteressen und Ergebnisse der Emotionsforschung auch anderer, nicht literaturwissenschaftlicher Disziplinen haben die Fragestellungen des Projekts fortlaufend an Schärfe und Kontur gewonnen. Im gleichen Zuge trat auch die Vielschichtigkeit literarischer Inszenierungen von Emotionen immer mehr in den Blick. In der Konsequenz wurden die leitenden Kategorien gattungs- und diskursspezifisch differenziert und den Gegenständen entsprechend unterschiedliche methodische Verfahren entwickelt.

Von der Annahme ausgehend, dass Gefühle historisch und kulturell modelliert werden, wurden historische und kulturelle Dimensionen sowie der Wandel von Emotionen in literarischen Texten des Mittelalters und der frühen Neuzeit mit einem performativitätstheoretischen Ansatz systematisch erschlossen. Anhand exemplarischer Analysen wurde die historische Spezifik der Emotionsgestaltungen herausgearbeitet und mit Blick sowohl auf wirkungsästhetische Aspekte als auch auf die mediengeschichtlichen Zäsuren im 12. und 15. Jahrhundert auf signifikante Veränderungen befragt. Das Paradigma der Performativität erwies sich als offen für den Anschluss an weitere Theoriebildungen, so dass Strategien der Ästhetisierung und Normierung von Emotionen analytisch differenziert erfasst werden konnten. Untersucht wurden zentrale Emotionskomplexe (Trauer, Liebe, Zorn und Neugier) in synchroner und diachroner Perspektive. Dabei wurde ein begriffliches Instrumentarium entwickelt, dessen Tragfähigkeit sich in einer Reihe von Studien bewährt und sich über die Projektarbeit hinaus als anschlussfähig erwiesen hat. Allerdings zeichnete sich bereits in der ersten Förderphase die Erkenntnis ab, dass signifikante Modifikationen in der Gestaltung von Emotionen weder generell noch direkt mit medialen Veränderungsprozessen korreliert werden können. Die weitere Arbeit hat bestätigt, dass von einem langfristigen Wandel und einer synchronen Pluralität und Komplexität literarischer Emotionsgestaltung ausgegangen werden muss. Der Fokus wurde daher im Zuge der Projektarbeit von mediengeschichtlichen Zäsuren auf gattungs- oder diskursspezifische Konstellationen verschoben. In der letzten Förderphase lag zudem ein besonderes Interesse auf Strategien der Emotionalisierung bzw. auf der Wechselbeziehung zwischen textueller Inszenierung und Rezeption sowie auf Spannungsverhältnissen von Grenzziehung und Grenzüberschreitung. Untersuchungen in diachroner Perspektive zum Thema Liebe (im Liebes- und Abenteuerroman sowie in mittelalterlichen Bearbeitungen des Trojastoffs) und zum Thema Neugier (im höfischen Roman) konnten wie geplant abgeschlossen werden. Von den synchron und gattungsübergreifend angelegten Studien wurde eine (zu Trauer) bereits beendet, eine weitere (zu Zorn) wird im laufenden Förderzeitraum abgeschlossen. Darüber hinaus entstanden Studien zu mystischen Texten und zu Gattungen, die ein spezifisch performatives Potential aufweisen (geistliche Spiele und Lyrik). Insgesamt konnte damit ein repräsentatives Spektrum der mittelalterlichen Literatur exemplarisch erschlossen werden.

     
Projektrelevante Publikationen der letzten Förderphase:

Martin Baisch, Elke Koch (Hg.): Neugier und Tabu. Regeln und Mythen des Wissens, Freiburg i. Br.: Rombach 2010 (Rombach Scenea, Bd. 12).

Evamaria Freienhofer (ehemals Heisler): Christusähnlicher Karl. Die Darstellung von Zorn und Trauer des Herrschers in der ‚Chanson de Roland‘ und im ‚Rolandslied‘, in: Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung. Zeitschrift des Mediävistenverbandes, 14:1 (2009), S. 67-79.

Ingrid Kasten (Hg.): Machtvolle Gefühle, Berlin/New York: De Gruyter 2010 (Trends in Medieval Philology 24).

Ingrid Kasten: Rationalität und Emotionalität in der Literatur des Mittelalters, in: K. Ridder (Hg.), Reflexion und Inszenierung von Rationalität in der mittelalterlichen Literatur. Wolfram-Studien 20, Berlin: Erich Schmidt Verlag 2008, S. 253-271.

Ingrid Kasten: Performativität. In der Schwebe, in: J. Keller/L. Miklautsch (Hg.), Walther von der Vogelweide und die Literaturtheorie. Neun Modellanalysen von „Nemt, frouwe, disen kranz“, Stuttgart: Reclam 2008, S. 76-92.

Ingrid Kasten: Erinnerung, Emotion und Identität im mittelalterlichen Roman, in: L. Pan/C. Wulf (Hg.), Emotion und Erinnerung, Peking: Beijing University Press 2011.

Elke Koch: Bewegte Gemüter. Zur Erforschung von Emotionen in der deutschen Literatur des Mittelalters, in: V. Kapp u.a. (Hg.), Literaturwissenschaftliches Jahrbuch. Neue Folge, Bd. 49 (2008), S. 33-54.

Andrea Sieber, Antje Wittstock (Hg.): Melancholie – zwischen Attitüde und Diskurs. Konzepte in Mittelalter und Früher Neuzeit, Göttingen: V&R unipress 2009 (Aventiuren 4).