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Leitung: Prof. Dr. Norbert Dittmar

Wissenschaftliche Mitarbeiter: Nils Uwe Bahlo und Daniel Steckbauer

Projektdauer: 2008 - 2011

 

ACHTUNG! BÜROUMZUG! ACHTUNG!

Ab dem 4. März 2011 befindet sich unser neues Büro im Gang 28, untere Etage, Raum 104 - JK 28/104.

Wir sind dort i.d.R. montags, mittwochs und freitags zwischen 10 und 16 Uhr erreichbar, an den anderen Tagen nach Absprache.  

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Jugendsprache

Die vollkommen überarbeitete Version des Artikels ist erschienen als:

Norbert Dittmar und Nils Bahlo (2008): Jugendsprache. In: Die Sprache Deutsch. Hrsg. von Heidemarie Anderlik und Katja Kaiser (Deutsches Historisches Museum). Dresden. S. 264-268.

 

Norbert Dittmar & Nils Bahlo

 

Der Begriff

Die Jugendsprache ist eine vor allem  in der mündlichen Rede manifeste Varietät (Sprechweise, verbaler Stil) des Deutschen. In geringerem Maße kann sie auch in schriftlichen Texten (z.B. Briefen) vorkommen, wenn sie authentisch zwischen Jugendlichen ausgetauscht werden; häufig wird sie heute in der Werbesprache kopiert (z.B. „Votet das coolste Oktoberevent und gewinnt mit der TT eines von 3 Raiffeisen Clubsparbüchern im Wert von € 100,- oder 5 x 2 Kinotickets für die Cineplexx World.“[1]).Hier handelt es sich um simulierte, nicht authentische Vorkommen.

Anders als  dialektale oder soziolektale Varietäten, die langfristig und meist generationen-übergreifend an landschaftliche Räume oder soziale Schichten gebunden sind, ist die Jugendsprache (oder der Juventulekt[2] ) eine generationsspezifische Übergangsvarietät, die den biologisch bedingten Aufbruch der Jugendlichen zum Erwachsenstatus in der Suche nach individueller und sozialer Identität in der Altersspanne zwischen 10 und 30[3] sprachlich und kommunikativ zum Ausdruck bringt. Die (überregionalen und kollektiv-sozialen) Gemeinsamkeiten jugendsprachlicher Repertoire bezeichnen wir als „sekundäre Varietät (...), die in der sekundären Sozialisation erworben, in der alltäglichen informellen Kommunikation im sozialen Alter der Jugend habituell verwendet und als solche identifiziert wird. Sie wird auf der Basis einer areal und sozial verschiedenen Primärvarietät realisiert und besteht aus einer Konfiguration aus morphosyntaktischen, lexikalischen und pragmatischen Merkmalen“[4].

Diese sekundäre Varietät weist drei hervorzuhebende Besonderheiten auf:

(a) Sie wandelt sich über die Jahre, d.h. sie entwickelt sich in Richtung „Erwachsenensprache“ in konfigurativen sprachlichen Ablagerungen, die einen kognitiven Reifeprozess markieren wie die Jahresringe das Wachstum der Bäume.

(b) Je nach räumlich-situativen Vorgaben  und soziokulturellen Orientie-rungen kommt die juventulektale Varietät in unterschiedlichen kommunikativen Praktiken zur Anwendung. Diese bezeichnen wir als juventulektale Stile.

(c) Das Prinzip der Unabgeschlossenheit: das Ziel jugendsprachlicher Ent-wicklung ist die kompetente (normative) Beherrschung der Erwachsenensprache, die aber nie vollständig erreicht wird, da die Übernahme erwachsenensprachlicher Normen mit dem gleichzeitigen Einbringen neuer Muster einhergeht und auf diese Weise das Erwachsenenrepertoire verändert wird. In diesem Sinn haftet der jugendsprachlichen Varietät ein paradoxaler Zug an: die Entwicklung richtet sich auf die Übernahme der Erwachsenensprache, die jedoch durch identitätsstiftendes Experimentieren gleichzeitig unterschwellig verändert wird.

Lexikalische Beispiele solcher Wandlungen sind <geil> (toll, scharf, lustig, <macht Spaß>) gegenüber früher <vom Sex getrieben>) oder <krank>, das heute von den jüngeren Altersschichten für <nicht in Ordnung> be-nutzt wird. Ebenso wurde die Hebung des Vokals [e] im Berlinischen <det> der 70iger Jahre zum [i] im <dit> der neunziger Jahre von jugendsprachlichem Gebrauch angeschoben und durch soziale Verbreitung zum Wandel geführt. Die relative Ungebundenheit an schriftsprachliche Normen führte daher über jugendsprachlichen Gebrauch zur koordinativen Verwendung des bisher nur als Nebensatzeinleiter verwendeten weil in ich mach nicht mit weil – ich hab kein Geld.

 

Eigenschaften

Kreativität, Spontanität, Direktheit und Flexibilität sind gruppen- und situationsübergreifende Kennzeichen der jugendlichen Kommunikation. Jugendliche Sprechstile nehmen oft die Gestalt von Sprachspielen und Stilbasteleien an. Die Jugendlichen selbst sehen ihren Sprachstil nicht als Abgrenzung zu den Erwachsenen[5], sondern eher als Freiraum für sprachli-che Innovation und den „lockeren Sprachgebrauch“. Schlobinski deutet den jugendlichen Sprechstil daher als Erproben der sozialen und diskursiven Kompetenz.

Anhand eines Beispiels aus dem DFG-Projekt „Jugendsprache im Längs-schnitt“[6], sollen nun einige Elemente der Jugendsprache dargestellt werden. (Ausschnitt aus einer Tondatei)

 

Transkript Erläuterung

(JUSPil 31-07-05 Zelt 10)[7]

              

001 S1: IF yA m:: ((Anfang eines engli-schen Raps, der abgebrochen wird))

002 Sa: vaA:sch mich nich (-) einfach ru-hich sein okay?

003 schlaft jetz;

004 S1: ((Geräusch: Pistole oder Trommel))

005 S3: [schEiße]((flüstert)) steht der hintam zelt rum?

006 S2: [(--)was?]

007 S1:[SAscha?]

008 Sa: [du bist nächsta (.) also halt die backn;]

009 S2: SAscha du tOy:

010 Sa: watt?

011 Sa1: SAscha du trOll:

012 Sa: [wer nennt dich hia voll]

013 S3: [SAscha du keck]

014 S1: SAscha du GOCKel;

015 Sa: ia: el bandi ((Al Bundy)) kinda:[8]

 

Der Jungbetreuer Sascha, 17 Jahre alt (Sa) versucht zur Nachtruhe einige Jungen (S1, S2, S3 alle 15 Jahre alt) aus dem Zelt 10 zur Ruhe aufzufordern, da Nachtruhe herrscht und andere Teilnehmer des Zeltla-gers schlafen wollen. Die Jungen schaffen es aber, mit „Satzfragmenten“ das Ge-spräch aufrecht zu erhalten. Es wird in un-serem Beispiel das Prinzip des Battles aus dem Rap verfolgt.

                                               

Zu diesem Sprachkampf gehören ganz wesentlich Medienwissen, Sprachwitz, Schnelligkeit und Erfindungsreichtum, auch wenn dieser Battle nicht unbedingt auf höchstem Niveau ausgefochten wird.[9] Der Wettbewerb untereinander, das Provozieren und „cooles“ Reagieren sind zentrale Elemente der Jugendkultur und -Sprache. (Vgl. Schmidt 2004)

Im Gegensatz zur „Sprache der Erwachsenen“ bevorzugen Jugendliche kurze, knappe Sätze, denen Artikel und auch Präpositionen fehlen können. Sie kommen ohne lange Erzählungen aus.

Jugendliche experimentieren mit der Sprache und benutzen sie kreativ, dieses wird in dem Transkript besonders deutlich: Sprachspiele sind besonders attraktiv (bekannte Wörter und Redensarten werden in neue Kontexte gestellt, und mit neuen Bedeutungen eingesetzt). Dies zeigt sich im Transkript: Z.009-011: „toy“ wird zu „troll“ und dann zu „voll“; „toy“ aus dem Rap stammend, abfällige Titulierung im Battle des Raps. Dabei sind die Einflüsse des Fernsehens, der Werbung und der Musik prominent auffällig (Transkript Z.015: „Al Bundy-Kinder“: beleidigend, übelriechender Seriencharakter). Eine beliebte Technik ist dabei die Bricolage („Herumbastelen mit der Sprache“): In die laufende Äußerung lässt man Werbeslogans oder Filmzitate einfließen.

Die Jugendsprache weist im Bereich der Wortbildung, der Syntax, der Prosodie und – besonders auffällig – im Bereich des Lexikons Besonderheiten auf (wir konzentrieren uns deshalb auf zwei Wortschatzbereiche,  die die Eigenschaften der Jugendsprache besonders gut illustrieren).

Auffällig sind  und häufig benutzt werden Modewörter wie abgespaced,  chillig, stressig, nervig, gefrustet, gedisst oder krass.[10] Wir bezeichnen sie als Wertadjektive.

Mit ihnen können die Jugendlichen ihre Gefühlslagen offenbar angemessen ausdrücken.

Wir finden auch Metaphern wie ätzend oder giftig. Besonders produktiv sind Adjektive, die mit dem Suffix mäßig gebildet werden  (hammermäßig etc.)

Im JuSpiL-Korpus finden wir verschiedene Wertadjektive an unterschiedlichen syntaktischen Positionen im Satz:

Adverbial Nun bleibt mal chillig.

Prädikativ Die Muschi (Katze!) ist aber voll geil.

Attributiv Korrekte Arscherweiterung nach der Sitzung

Fragment in Form eines Nachtrags Wir finden euch scheiße...echt megamäßig.

(Die Beispiele entstammen den Teilnehmenden Aufzeichnungen des JuSpiL-Korpus von 2006.)

 

Eine andere stilistische Spielart sind die Vulgarismen. Wörter wie: scheiße, ficken … (sie wissen schon, liebe LeserInnen, was wir meinen). Diese werden mit schamloser Direktheit geäußert, vornehmlich natürlich in den Jugendcliquen selber. Die Erwachsenen, die diesen Sprachgebrauch für unangemessen halten, müssen sich von den Soziolinguisten sagen lassen, dass sie selber einen beträchtlichen Gebrauch davon machen.[11] Es ist evident, dass in diesem biologisch aufgeladenen Reifeprozess Sexualität ein zentrales Thema ist. Die Grenzen von Vulgär- und Umgangssprache sind fließend.

Vulgarismen dienen oft der Abgrenzung von der Erwachsenensprache – sie werden häufiger und provokativer benutzt als sonst in der Sprachgemeinschaft.

 

Historische Dimension

Jugendsprache hat es schon immer gegeben, und zwar immer dort, wo Jugendlichen genügend Freiräume zur Entfaltung geboten wurden. Die moderne Jugendsprachforschung beginnt mit Helmut Henne, der sich nicht nur auf das Lexikon der Jugendlichen, sondern auch auf deren Sprachwissen konzentriert.

Die Jugendsprachforschung gliedert sich nach Lapp[12] in die folgenden fünf Phasen, die jugendsprachliche Auswirkungen seit dem 19. Jharhundert beschreiben:

 

i) die Vorläufer: historische Studenten- und Schülersprache;

ii) die fünfziger Jahre: „Halbstarken-Chinesisch“;

iii) die sechziger Jahre: „Teenagerdeutsch“;

iv) die siebziger Jahre: „APO-Sprache“, „Szene-Sprache“, „Schüler-deutsch“;

v) die achziger Jahre: „die große Vielfalt“.

 

Durch den programmatischen Artikel von Eva Neuland[13], Januschek, Schlobinski[14] und auch Schwitalla[15] wurde die Jugendsprachforschung revolutioniert. Ein Wechsel von der Lexikographie zur Ethnogra-phie des Sprechens setzte ein. Schlobinski et al. führten die „Lappsche Reihe“ mit den neunziger Jahren fort: „der Mythos von der Jugendsprache“, „jugendliche Sprachregister und Sprachstile“.[16] Von nun an wurde der Wert auf die Beobachtung von Sprachhandlungen in bestimmten Verhaltenskontexten gelegt. Es ging nun nicht mehr darum Sprachwissen über Fragebögen abzufragen, sondern vielmehr die spezifischen Sprachvarianten als Bausteine eines Sprachstils zu identifizieren.[17]

 

Bildungspolitische Kontroverse

 

Macht die Jugend unsere Sprache kaputt? Ist die deutsche Sprache tatsächlich vom Aussterben bedroht? Können sich die Jugendlichen nur noch in „Fäkalsprache“ verständigen?[18]

Die „Entdeckung“ und Beschreibung der Jugendsprache wurde  in der Presse zum Katalysator unterschiedlicher Urteile, die meist bildungspolitischer Natur waren. Die „Nachlässigkeiten“ im Sprechen wurden von Lehrern oft als „Regression“ sprachlicher Beherrschung und „Sprachverfall“ angeprangert. Die Boulevardpresse beschwor sogar die dunklen Wolken einer „analphabetischen“ Generation oder „hemmungslos stammelnder“ Verweigerer jeglicher Bildung herauf. Viele erinnerten an den von Picht in den sechziger Jahren ausgerufenen Bildungsnotstand. Der Hang der Jugendlichen zu Floskeln, Abkürzungen, vulgären Ausdrücken, spontan-emotionalem nicht-kontrolliertem Sprechen wurde als Bedrohung der akademischen Werte des Sprachgebrauchs gewertet.

 

„Adolescents are the linguistic movers and shakers, at least in western industrialized societies, and, as such, a prime source of information about linguistic change and the role of language in social practice.”[19]

 

Endnoten

[1] Tiroler Tageszeitung, 01.11.04

[2] Zu diesem Begriff: Norbert Dittmar: Grundlagen der Soziolinguistik : ein Arbeitsbuch mit Aufgaben. Tübingen 1997.

[3] Diese Angaben sind variabel; dazu: Dieter Lenzen: Pädagogische Grundbegriffe. Ju-gend bis Zeugnis. Reinbek 1989.

[4]  Jannis Androutsopoulos: Deutsche Jugendsprache. Frankfurt 1998. S. 592.

[5] Vgl.: Susanne Augenstein: Funktionen von Jugendsprache. Tübingen 1998.

[6] Weitere Informationen/Material auf der Homepage: http://www.jugendsprache-berlin.de (im Aufbau)

[7] Aus dem Jugendsprache im Längsschnitt (JUSPiL)-Korpus Transkribiert nach GAT (dazu: Norbert Dittmar: Transkription. 2. Auflage. Wiesbaden 2003. S.150ff.)

[8] Zur Erläuterung: Sa = Sascha (Jungbetreuer, 17 Jahre alt, der die Jugendlichen um Ruhe bittet, da bereits Nachtruhe herrscht), S1-S3 Teilnehmer eines Zeltlagers. Alter: 14 und 15 Jahre)

[9] Der „Battle“ dauert im Original 4:30 min.

[10] Jannis Androutsopoulos: Deutsche Jugendsprache. Frankfurt 1998. S. 434.

[11] Vgl.: Wolfgang Müller: Sexualität in der Sprache. Wort und zeitgeschichtliche Be-trachtungen. In: Jugendliche Sexualsprache – eine gesellschaftliche Provokation. Norbert Kluge (Hg.). Landau 1996. S. 137 – 171.

[12] Vgl.:Edgar Lapp: Jugendsprache: Sprechart und Sprachgeschichte seit 1945.  In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht. 63 (1989). S. 53-75.

[13] Vgl.: Eva Neuland: Spiegelungen und Gegenspiegelungen. Anregungen für eine zu-künftige Jugendsprachforschung. In: ZfGL 1 (1987). S.58-82. Hier: S.60.

[14] Vgl.: Franz Januschek u. Peter Schlobinski (Hrsg.): Thema Jugendsprache. OBST 41 (1989).

[15] Vgl.: Johannes Schwitalla: Die vielen Sprachen der Jugendlichen. In Geisser und Gutenberg (Hrsg.) Kann man Kommunikation lehren? Frankfurt/M. 1988.

[16] Peter Schlobinski, Gaby Kohl, Imgard Ludewigt: Jugendsprache. Opladen 1993. S. 9.

[17] Peter Schlobinski: Jugendsprache und Jugendkultur. Politik und Zeitgeschichte. B5/2002. S. 17.

[18] Ebd. S. 17f.

[19]Penelope Eckert: Why Ethnography? In: Kotsinas, Ulla-Brit et al. (Hg.). Ungdomsspråk i Norden. Stockholm 1997. S. 52-62. Hier: S. 52.

 

 

Letzte Aktualisierung: 19.02.2013

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