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Das Institut trauert: Prof. Dr. Rudolf Stephan verstorben

Prof. Dr. Rudolf Stephan anlässlich der Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse für seine Forschungen zu Alban Berg in der Österreichischen Botschaft Berlin im Jahr 2016.

Prof. Dr. Rudolf Stephan anlässlich der Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse für seine Forschungen zu Alban Berg in der Österreichischen Botschaft Berlin im Jahr 2016.
Bildquelle: © Österreichische Botschaft Berlin

Am 29. September 2019 ist der Musikwissenschaftler Prof. Dr. em. Rudolf Stephan im Alter von 94 Jahren in Berlin verstorben.

News vom 07.10.2019

Rudolf Stephan war von 1967 bis 1990 Professor für Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sein Forschungsschwerpunkt lag auf der Musikgeschichte der Moderne unter besonderer Berücksichtigung der Wiener Schule. Zudem war er Editionsleiter der historisch-kritischen Gesamtausgaben der Werke von Arnold Schönberg und Alban Berg.

Das Institut trauert um seinen langjährigen Kollegen.



Rudolf Stephan zum Gedenken
von Albrecht Riethmüller

Mit Rudolf Stephan ist eine der markanten Figuren verstorben, die die deutsche Musikwissenschaft der Nachkriegszeit neu ausgerichtet haben. Er hatte kurz vor Kriegsende in Heidelberg zu studieren begonnen und wurde dadurch noch Augenzeuge der Verfilzung der Universität mit dem Nationalsozialismus. Die Promotion 1950 und Habilitation 1963 erfolgten an der Universität Göttingen. Der Ausrichtung der universitären Musikwissenschaft in der frühen Bundesrepublik gemäß waren beide akademische Qualifikationsschriften weit zurückliegenden Gegenständen gewidmet, in seinem Fall der mittelalterlichen Musik. Stephan verstand es indessen, sich schon in den 1950er Jahren über den disziplinären Zirkel hinaus bekannt zu machen durch die Herausgabe des Fischer-Taschenlexikons Musik und sein Libell Neue Musik in der Kleinen Vandenhoeck-Reihe.

In diesen Veröffentlichungen manifestierte sich auch das, was mit der Zeit ins Zentrum des Musikhistorikers Stephan trat, nämlich die Musik des späten 19. und des 20. Jahrhunderts. Das war in der akademischen Musikwissenschaft seiner Zeit tabu. Angesichts der damaligen, heute kaum mehr vorstellbaren Wut der Gesellschaft, auch der etablierten musikwissenschaftlichen gegen zeitgenössische, gar avantgardistische Musik war es für Stephan – Begabung hin oder her - kein geringes Risiko, mit derlei Neigungen und Schwerpunkten in der Disziplin Karriere zu machen, bis er schließlich auf den Lehrstuhl an der Freien Universität Berlin berufen wurde. Mit der Zeit verjüngte sich auch der Berufsverband der Disziplin, die Gesellschaft für Musikforschung, etwas, deren Präsident Stephan dann von 1980 bis 1989 war.

Sein historiographischer, analytischer und editorischer Einsatz für die Wiener Moderne, für die Musik der Wiener Schule Schönbergs, Bergs und Weberns samt ihrem Umkreis, aber auch für Mahler wurden zu seinem Kennzeichen. Der Bogen der ihm wichtigen Musiker der Moderne spannte sich indessen darüber hinaus etwa von Bartók und Strawinsky bis – nach und nach mehr – zu Reger und Pfitzner. Stephan blieb fest verwurzelt in der deutschen Musiktradition. War für Adorno die Sinnhaftigkeit das A und O von Musik, so für Stephan ihre Bedeutsamkeit. Er wurde nie müde, sich für große Kunst stark zu machen. Solche Musik war für ihn kein akademischer, papierner Gegenstand, sondern eine Gabe, der er mit Ehrfurcht begegnete. Aber die Emphase für die Musikwerke isolierte diese nicht als bloße Objekte, sondern schloss für ihn – lange vor dem sprichwörtlich gewordenen „performative turn“ - die Musiker ein, denen es obliegt, diese Werke zu interpretieren.

Er begab sich nicht nur auf die Suche nach dem – so im Titel eines seiner Bücher – „Musikalischen Denken“, sondern er fragte gegen Ende auch verstärkt nach dem wohl Grundlegendsten, was ein Musikforscher erkennen kann: dem Ton. In seinen Schriften war Stephan ein glänzender Stilist, in Vorträgen jemand, der zu fesseln und beeindrucken vermochte. Die Intensität seiner musikhistorischen Ausrichtung hat auch auf seinen großen Schülerkreis nachhaltig eingewirkt. In Zeiten der Reduzierung von bürgerlicher Kunst war und blieb Rudolf Stephan ein Anwalt der Tonkunst und des Musikalischen.

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