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Forschung

Dr. Iulia Dondorici

Habilitationsprojekt "Mehrsprachigkeit und globale Geschichtserfahrung: Theorie und Praxis der literarischen Avantgarden zwischen Bukarest, Fort-de-France, Kairo und Paris (1910 – 1950)"

Laufzeit: 09/2019 - 08/2022

Victor Brauner, Ilarie Voronca: Pictopoezie (75 HP, 1924)

Victor Brauner, Ilarie Voronca: Pictopoezie (75 HP, 1924)
Bildquelle: Biblioteca Academiei Române, București

Nach der Etablierung der Nationalstaaten im Europa des 19. Jahrhunderts waren die historischen Avantgarden nach der Jahrhundertwende nicht nur die ersten, sondern auch höchst komplexe literarisch-künstlerischen Bewegungen, die programmatisch auf einer transnationalen und transkontinentalen Ebene agiert haben. In zahlreichen transnationalen Verflechtungsgeschichten entfalteten sie sich in Nord- und Südamerika, West- und Osteuropa, Afrika und der Karibik gleichermaßen. Dieses Forschungsprojekt macht sich zum Ziel, das Transnationale als wesentliche analytische Kategorie der Avantgarden einzuführen und dabei eine transnationale Theorie dieser Bewegungen zu entfalten.

In einer Verbindung literaturgeschichtlicher und -theoretischer Vorgehensweise werden die konstitutiven Zusammenhänge zwischen den westeuropäischen, südosteuropäischen, karibischen und südamerikanischen Avantgardebewegungen herausgearbeitet. Den surrealistischen und dadaistischen Gruppen in den westeuropäischen Metropolen – die von der Forschung als geradezu exemplarische Avantgarden diskutiert werden – werden die Gruppen um die Zeitschriften Légitime Défense (1932, Paris) und Tropiques (1941 – 1945, Martinique) sowie die Gruppen Integral (1925 – 1928, Bukarest) und Art et libérté (1938 – 1948, Kairo) zur Seite gestellt. Auf diese Weise zeichnet sich eine kontinuierliche Linie von den traditionellen westlichen „Zentren“ der Avantgarden (Paris, Berlin, Zürich) zu den avantgardistischen Gruppen in Südosteuropa sowie zu den Bewegungen in den Antillen. Ziel ist es, die Avantgarden als einen polizentrischen Verhandlungsraum, ein rhizomatisches Netzwerk mit zahlreichen Feldern und multidirektionalen Bewegungen in einem globalen Raum zu zeigen – statt sie erneut im überkommenen Paradigma von westeuropäischen Zentren und Peripherien zu präsentieren.

Cover "Integral" (1925, Nr. 3)

Cover "Integral" (1925, Nr. 3)
Bildquelle: Biblioteca Academiei Române, București

Die rumänischen Avantgarden spielten nicht nur auf gesamteuropäischer, sondern durch ihre zahlreichen Verbindungen mit den japanischen und südamerikanischen Avantgarden auch auf transkontinentaler Ebene eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang sind folgende Aspekte von besonderer Bedeutung:

  • das spezifische Phänomens der emigrierten (häufig jüdisch-)rumänischen Schriftsteller/innen und Künstler/innen, die sich in Zürich, Berlin, Paris, Rom, Buenos Aires u. a. an der Gründung und Entwicklung dadaistischer und surrealistischer Bewegungen beteiligten oder diese anführten;
  • die künstlerisch-politischen Programme der Bukarester Avantgarden, die als originelle Interventionen in den globalen avantgardistischen Diskurs zu betrachten sind;
  • der programmatische Inter- und Transnationalismus der Bukarester Avantgarden, sowie seine theoretische und literaturgeschichtliche Bedeutung;
  • die programmatische Mehrsprachigkeit der Bukarester Avantgarden, die den Schriftstellern und Künstlern eine vielfältige Vermittlerrolle erlaubte (Vermittlung der weltweiten avantgardistischen Bewegungen an das rumänische Publikum, aber auch Vermittlung und „Übersetzung“ ihrer eigenen Programme auf der internationalen Szene der Avantgarden);

Der integrative Ansatz dieses Projektes, der bekannte Avantgarden mit ihrer südosteuropäischen Geschichte verbindet, versteht sich als Wissensbrücke zu globalen Herausforderungen unserer Gegenwart in Europa. Denn auch die Romanistik ist an den aktuellen Debatten um den „transnational turn“ beteiligt. Doch dabei beschränken sich die überwiegende Mehrzahl der romanistischen Untersuchungen auf die Literaturen aus den ehemaligen Kolonien Frankreichs, Spaniens und Portugals. Dieses Forschungsprojekt wird die daraus resultierenden Konzepte von transnationaler Literaturen durch die Einbeziehung einer „kleinen“ Literatur wie der rumänischen erweitern und dabei einen komplexeren Begriff des Globalen in der Literaturwissenschaft theoretisch und literaturgeschichtlich fundieren.