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Die Grenzen des Textes. Experimentelles Schreiben in den 1960er und 70er Jahren

24.11.2022 - 25.11.2022

In den 1960er und 70er Jahren kommt es in ganz Europa und den Amerikas zu einer massiven Wiederbelebung linguistischen, formalen und medialen Experimentierens auf dem Gebiet der nicht (mehr) primär narrativen Prosa. Die erneute Befragung der Grundkonstituenten textueller Kommunikation in den Werken von so unterschiedlichen Autor:innen wie Friederike Mayröcker, Ann Quin, Christine Brooke-Rose, dem späten Beckett, Claude Simon oder Ror Wolf treibt nicht nur die Kategorie der Repräsentation oder Mimesis (einer vorgängig gedachten Welt), sondern auch die narrative Vermittlung durch eine mehr oder weniger personalisierte, menschliche Erzählinstanz an ihre Grenzen. Dabei stehen neben der Konsistenz und Kohärenz der syntagmatischen Ordnung auch verstärkt die materiellen und symbolischen Grenzen des Textes sowie die Kategorie der Textualität selbst auf dem Spiel.

Die im Übergang vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus erfolgende grundlegende Entgrenzung und Enthierarchisierung des Textbegriffs und seiner Ebenen lösen die ‚äußeren‘ Grenzen des Textes hin zur Vorstellung einer umfassenden (Inter-)Textualität auf, die sich über verschiedenste Medien erstreckt und auch auf tradierte Vorstellungen vom Text als einem geschlossenen Artefakt auswirkt. Zugleich betreiben die Texte aber auch eine radikale Entgrenzung im Innern, die man als ein Austesten derjenigen Grenzwerte beschreiben könnte, die die Bedingungen von textueller Strukturalität sowie die medialen Modi der Signifikation ausmachen.

Der Workshop verfolgt zwei Ziele: Zum einen möchten wir Fragen nach den inneren und äußeren Grenzwerten von Texten erörtern. Was macht einen Text aus, wie kann man Textualität an ihren Grenzen verstehen, wodurch wird ein mediales Gefüge als Text lesbar und was bedeutet es, dieses als einen Text zu lesen? Aber auch: Wie etablieren experimentelle Texte Bezüge zu anderen Medien, bilden intermediale Signifikationsprozesse aus, indem sie sich beispielweise auf spezifische (chronotopische) Verfahren aus anderen Künsten berufen und ins Medium der geschriebenen Sprache transponieren?

Zum anderen sollen diese systematisch-methodologischen Fragen spezifisch zurückbezogen werden auf die epistemologischen Entwicklungen in den 1960er und 70er Jahren: Wie kann das Denken der textuellen Grenzen situiert werden in einem Kontext nicht nur hochgradiger politischer Instabilität, sondern auch im Rahmen der Verbreitung von Vorstellungen radikaler Unbestimmtheit im Anschluss an die Relativitätstheorie? Welche neuen Verständnisse des Experimentellen oder der Funktion des Experiments lassen sich ausmachen und auf welche Weise ist experimentelle Literatur involviert in die Ausbildung von (neuen) Formen der Wahrnehmung und affektiver Regimes? Wie sind darüber hinaus mediale Formen textueller Strukturierung und Signifikation verwoben mit humanistischen Vorstellungen und deren Auflösungen hin zu verschiedenen Strömungen des Posthumanismus?

 

Programm

Donnerstag, 24. November 2022

14:00 Uhr        André Otto (HU Berlin): Einführung

14:30 Uhr        Barbara Bausch (FU Berlin): Anfangen/Aufhören. Zur Störung des Ganzen in experimenteller Prosa um 1968

15:30 Uhr        Andreas Mahler (FU Berlin): Zwischen Wortsalat und Sprachkomplexion. Grenzwerte des Textuellen

16:30 Uhr        Kaffeepause

17:00 Uhr        André Otto (HU Berlin): „The paper sculptor does the rest“ – Alan Burns‘ aleatorisches Babel und die Gewaltsamkeit der Kom-Position

18:00 Uhr       Martin Endres (FU Berlin): Die Grenzen der Form. Das Einmaleins von Peter Handkes früher Prosa

19:30 Uhr        gemeinsames Abendessen im Alten Krug

Freitag, 25. November 2022

09:00 Uhr        Julia Weber (FU Berlin): Intermediale Zwischenräume. Claude Simons Triptyque und Ann Quins Tripticks

10:00 Uhr        Georg Witte (emeritiert): „Еs ist möglich…“ Serielles Schreiben als Zeit-Raum der Eventualität

11:00 Uhr        Kaffeepause

11:30 Uhr        Barbara Kuhn (Katholische Universität Eichstätt): Polyphone Architekturen. Michel Butors Experiment einer Description de San Marco

12:30 Uhr        Julia Dettke (Universität Rostock): Liquide Grenzen: Wasser, Räume und finale Auflösung in Topologie d’une cité fantôme von Alain Robbe-Grillet und La Vie mode d’emploi von Georges Perec

Organisation: André Otto, Humboldt Universität Berlin & Julia Weber, Freie Universität Berlin

Zeit & Ort

24.11.2022 - 25.11.2022

Freie Universität Berlin
Konferenzraum der
Friedrich Schlegel Graduiertenschule (JK 33/121)
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin

Weitere Informationen

Anmeldung: Aufgrund des beschränkten Platzes bitten wir um Anmeldung unter

andre.otto@hu-berlin.de oder julia.weber@fu-berlin.de