Materialistische Metaphorologie
Die politische Sprache der Gegenwart ist von Eindeutigkeit und Mehrdeutigkeit zugleich geprägt. Debatten wie die um das von Friedrich Merz beklagte „Stadtbild“ zeugen von rhetorischen Strategien, die darauf abzielen, in einem Atemzug sowohl Evidenz als auch Ambivalenz zu erzeugen. Die hyperbolische Sprache Donald Trumps wurde oftmals (leichtfertig) als eine Form des uneigentlichen Sprechens abgetan, während sie heute mitunter allzu wörtlich genommen wird. Und auch in der journalistischen Berichterstattung finden sich politische Metaphern wie die der „gesellschaftlichen Spaltung“, die trotz ihrer semantischen Offenheit selbstevident erscheinen und wie deskriptive Begriffe eingesetzt werden.
News vom 21.08.2026
Vor diesem Hintergrund möchte unser Workshop zur Debatte stellen, welchen Beitrag eine metaphorologisch informierte, materialistische Sprachkritik zum Verständnis der Form und Funktion aktueller politischer Rhetorik leisten kann. In unterschiedlichen Disziplinen wurden Ansätze für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gebrauch von Metaphern in der Politik (Hönigsperger, Münkler, Rigotti) und einer damit zusammenhängenden ‚Politik der Metapher‘ (Hölzl et al.) entwickelt, die sich auch in literarische und politische Begründungsgeschichten einschreibt (Koschorke et al.). Die Metapher erscheint hier primär als ein Mittel der Rhetorik, die über die Stiftung von spezifischen Sprachbildern politische Vorstellungen von Gesellschaft und Gemeinschaft („Wir sitzen alle im selben Boot“), Gefahr („Flüchtlingswelle“) oder Dominanz („Platzhirsch“) prägen soll. Metaphorologische Ansätze wie etwa Felix Heidenreichs „Toolbox der Metaphorologie“ haben diese Wirkungsweisen aufzuschlüsseln versucht und mögliche Deutungen der Metaphern identifiziert.
In einer weiterreichenden Perspektive wurde die Metapher in Hinblick auf ihre epistemischen Implikationen (Feger et al.) als konstitutives Moment des politischen Imaginären (Lüdemann) aufgefasst und – in Anlehnung an Hans Blumenberg – in Hinblick auf die darin produzierten ‚semantischen Überschüsse‘ untersucht. (Graf et al.) Der Workshop möchte diese auf die semantische Offenheit der Metapher gerichtete Perspektive erneut in den Diskurs um politische Rhetorik einbringen. Damit schließen wir an die Idee einer materialistischen Metaphorologie an, wie sie Sebastian Tränkle in der Zusammenführung von Blumen-bergs Metaphorologie und Theodor W. Adornos Sprachkritik vorschlägt (Tränkle). Zentral ist dabei die Prämisse, dass sich metaphorische Sprache nicht auf einen eindeutigen Gehalt festlegen und in einer aussagenlogischen Sprache der Eigentlichkeit einholen lässt. Eine materialistische Metaphorologie betrachtet Sprache – und mit ihr die Rhetorik – vielmehr als ein sich historisch wandelndes Produkt und Mittel von gesellschaftlicher Auseinandersetzung, dessen Deutungs- und Bedeutungshorizonte je nach Kontext und im Wechsel zwischen der Sprecher:innen- und Rezipient:innenebene variieren. Sie erkennt an, dass Sprachkritik selbst eine ideologische Funktionsweise annimmt, Bedeutung naturalisiert und essentialisiert, sobald sie eine eindeutige Dechiffrierung von politischer Sprache für sich beansprucht. Indem sie darüber hinauszugehen versucht, eröffnet die materialistische Metaphorologie eine ideologiekritische Perspektive auf die strategischen Ambivalenzen des gegenwärtigen Diskurses.
Der interdisziplinär orientierte Workshop richtet sich insbesondere an Forscher:innen aus der Literaturwissenschaft, Philosophie, Linguistik und Politikwissenschaft, die in den Bereichen der politischen Rhetorik, der Theorie und/oder Gegenwartsliteratur arbeiten. Zusammen wollen wir drei miteinander verbundene Aspekte diskutieren:
- Sprachkritik: Welche sprachlichen Mittel werden aktuell besonders oft eingesetzt, um sowohl Evidenz als auch Ambivalenz zu erzeugen? Durch welche rhetorischen Verfahren wird Ein- und Mehrdeutigkeit, Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit zugleich produziert?
- Rezeption: Wie wird mit dieser Vieldeutigkeit in der Rezeption umgegangen? (Wie) wird im politischen Diskurs zwischen konkurrierenden Bedeutungsebenen – wie in einem Vexierbild – gewechselt? Wie verfestigen sich Verständnisweisen und Deutungsmuster in Bezug auf eigentliches und uneigentliches Sprechen?
- Methodik: Mithilfe welcher – insbesondere materialistischer – Perspektiven und Methoden lassen sich die Kontexte, Medien und Infrastrukturen der politischen Sprache kritisch beschreiben? Welchen Beitrag kann eine materialistische Metaphorologie zur konkreten Sprach- und Ideologiekritik leisten? Wie kann diese Kritik ihre eigene Sprache semantisch offenhalten, wenn zugleich die politische, juristische oder wissenschaftliche Kritik einer Deutung erforderlich ist?
Programm folgt.
Ort: Freie Universität Berlin
Datum: 24. / 25. Juni 2027
Organisation: Lisa Bechtold (lisa.bechtold[at]fu-berlin.de), Jan Lietz (jan.lietz[at]fu-berlin.de), Jette Wiese (henriette.wiese[at]fu-berlin.de).
