Hella Tiedemann, 1936-2016

Wir trauern um Frau Prof. Dr. Hella Tiedemann (1936–2016), die kurz vor ihrem 80. Geburtstag an den Folgen einer schweren Krankheit am 10. Oktober 2016 gestorben ist. 

Hella Tiedemann ist mit der Geschichte des Peter Szondi-Instituts seit dessen Anfängen verbunden. 1969 promovierte sie, nach Studien bei Theodor W. Adorno, bei Peter Szondi mit ihrem Versuch über das artistische Gedicht. Baudelaire, Mallarmé, George (erschienen 1971). 1982 habilitierte sie sich mit der Schrift Verwaltete Tradition. Die Kritik Charles Péguys (erschienen 1986) an der Freien Universität für das Fach Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Seitdem lehrte sie am Peter Szondi-Institut, seit 1991 als außerplanmäßige Professorin. Im Jahr 2001 beendete sie ihre Lehrtätigkeit. Sie hat zahlreiche Magisterarbeiten und Promotionen betreut, mehrere der von ihr betreuten Promovenden haben sich habilitiert. Einige ihrer Studentinnen und Studenten sind bekannte Journalisten oder Schriftsteller geworden.

In ihren profunden hermeneutischen Lektüren von Schriften der französischen und deutschen Moderne diskutierte sie das ästhetische und kritische Potential einer auf sich selbst verweisenden und in eben diesem Gestus des Selbstbezugs ihre eigenen geschichtlichen Bedingungen aufschließenden Literatur. Hella Tiedemanns intensive Auseinandersetzung mit Ästhetik und Geschichtsphilosophie der Frankfurter Schule schlägt sich auch in ihrer editorischen Tätigkeit nieder. Sie war Herausgeberin Walter Benjamins (u.a. des dritten Bandes der Gesammelten Schriften, Kritiken und Rezensionen sowie der Benjaminschen Übersetzung von Marcel Prousts Guermantes. Im Schatten der jungen Mädchen, erschienen als Supplement 2 der Gesammelten Schriften).

Wir verlieren mit Hella Tiedemann eine Persönlichkeit, die Geist und Atmosphäre unseres Instituts über mehr als zwei Jahrzehnte entscheidend geprägt hat. Die Diskussionskultur in ihren Seminaren ist legendär. Das tiefe Vertrauen, das sie sich bei Studierenden und Promovierenden erwarb, gründet auf ihrer ebenso kritisch-unbestechlichen wie auch ermunternden Art, Mut zum intellektuellen Risiko machenden Begleitung von Studienarbeiten und Dissertationen. Für viele wurde Hella Tiedemann eine zentrale Orientierungsfigur im universitären Leben und darüber hinaus.

Hella Tiedemanns exzeptionelle Begabung war das intellektuelle Gespräch, die „ungeschriebene Lehre“: Geist, der sich nicht dokumentieren lässt, sondern weiterwirkt in denen, die von ihm erfasst wurden. An heutigen Maßstäben gemessen, hat sie daher zurückhaltend publiziert. Sie war der Meinung, dass der Markt wissenschaftlicher Publikationen dahin tendiert, sich zu einer „ungeheuren Warensammlung“ zu entwickeln, der sie mit Skepsis gegenüberstand.

Ihr letzter, bewegender Auftritt am Institut war das öffentliche Gespräch mit heutigen Studierenden der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums des Peter Szondi-Instituts im Dezember 2015.

In tiefer Trauer und mit hellen Erinnerungen an eine Kollegin, Lehrerin und Freundin, die uns philologische Obsession, intellektuellen Witz und elementare Weisheit vorgelebt hat, für die Mitglieder des Peter Szondi-Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft,

Prof. Dr. Georg Witte
(Geschäftsführender Direktor)

Die Beerdigung fand statt am Freitag, 4. Nov. 2016 auf dem Waldfriedhof Heerstraße, Trakehner Allee 1, 14053 Berlin

Trauerreden von:

PD Dr. Wolfram Ette: »Die Sache ist ein Verhältnis zwischen Menschen«
Dr. Sabine Jainski:
   »Hella oder die Freude - am Lernen und am Leben»


Nachruf von Prof. Dr. Lothar Müller, »Kunst der Lehre« in der Süddeutschen Zeitung vom 11. Oktober 2016:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/nachruf-kunst-der-lehre-1.3199952


Zeitschrift Merkur: Geistes-Haltung. Erinnerungen an Hella Tiedemann
https://www.merkur-zeitschrift.de/2016/12/22/geistes-haltung-erinnerungen-an-hella-tiedemann/