Springe direkt zu Inhalt

Strukturalistische Narratologie VI

 

Während der gesamten Entwicklung der Narratologie stellen die Protagonisten ein nicht unerhebliches Problem dar. Bereits Algirdas Julien Greimas hatte deshalb vorgeschlagen, die Protagonisten bei der Beschreibung an ihre Handlung zu binden, das heißt sie „nach dem, was sie tun, zu beschreiben und einzuteilen“ Barthes (1988), S. 123. , was ihre Bezeichnung als ‚Aktanten‘ erklärt.
Der Unterschied in den Theorien van Dijks und Bremonds liegt in der jeweiligen Methode der Handlungsuntersuchung:

Bremond geht aus von einer Beschreibung erzählter Handlungen und stellt im Nachhinein fest, daß er damit eigentlich menschliches Handeln im allgemeinen beschrieben hat. Van Dijk hingegen entwirft zunächst ein Modell für Handlungsstrukturen und für Handlungsbeschreibungen, und dann folgt die Anwendung auf Erzähltexte. [...] Das Konzept der Makrostruktur [...] wird in den größeren Rahmen einer Handlungstheorie eingebettet.Gülich/Raible (1977), S. 261.

Grundlage der Theorie van Dijks ist die „working definition of an act or action“: „being in a state i, x intentionally brings about a state j under the purpose k.“ van Dijk (1974/75), S. 277. Handeln ist intentional und bedeutet das Verlassen eines Ausgangszustands und den Übergang in einen anderen Zustand. Ähnlich die Beschreibung Stempels: „Von der analytischen Geschichtsphilosophie (A. Danto) wie der temporalen Logik (H. van Wight) her gesehen, ergibt sich, daß der narrative Kern in der Abbildung eines Wandels besteht, der logischerweise voraussetzt, daß ein Ausgangszustand in einen veränderten überführt wird.“ Stempel (1982), S. 10. Festgelegt wird, dass nur Personen handeln können. Sie bekommen die Bezeichnung ‚Agenten‘. Das intentionale Handeln, die ‚action‘, unterscheidet sich von einer unbewußten Tätigkeit (‚doing‘). „In most philosophical treatments of action, this notoriously vague but important notion of invention is used to distinguish actions from nonactions, like doings, bodily movements, or other events.“ van Dijk (1974/75), S. 279 Van Dijk unterscheidet vier Typen von Handlungen und vier Typen des narrativen Handlungsdiskurses Vgl. Gülich/Raible (1977), S. 261ff., auf die hier nicht näher eingegangen werden muss.

Erzählen setzt für van Dijk unter anderem voraus, dass der Erzähler nur von Geschehnissen berichtet, die interessant sind. „Ein Erzähltext muß als Referenten mindestens ein Geschehen / eine Handlung besitzen, welche ein Interessantheitskriterium erfüllen. Konventionalisiert man dieses Kriterium, so erhält man eine erste Superstrukturkategorie für Erzähltexte, die K o m p l i k a t i o n.“ van Dijk (1980), S. 141. Ich weise darauf hin, dass sich van Dijk vor allem auf das mündliche Erzählen konzentriert: „Die Struktur literarischer Erzählungen ist von solchen natürlichen Texten über ziemlich komplizierte Transformationen abgeleitet.“ (S. 141) Diese Komplikation bringt die erste Veränderung des Ausgangszustandes. Die Beschreibung dieses Ausgangszustandes hat van Dijk in früheren Arbeiten stets der Exposition zugeschrieben. Später hat er diese Kategorie fallengelassen, da er zudem über die des ‚settings‘ verfügt. Tatsächlich ließen sich die beiden Ebenen kaum voneinander trennen und eine genügt. Vgl. den Strukturbaum bei Gülich/Raible (1977), S. 267 und van Dijk (1980), S. 142. Der Komplikation muss die Auflösung folgen – ob positiv oder negativ. „[...] unsere Reaktion auf eine Handlung oder ein Geschehen kann gelingen oder auch mißlingen, durch welche Konstellation die Erzählung dann ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ abläuft.“ van Dijk (1980), S. 141.

Komplikation und Auflösung bilden zusammen das Ereignis als Kern eines Erzähltextes. Die Umstände dieses Ereignisses werden im ‚Rahmen‘, auch ‚setting‘ genannt, abgehandelt. Dieser ‚Rahmen‘ bildet zusammen mit dem Ereignis die Episode. „Selbstverständlich können innerhalb des gleichen Rahmens mehrere Ereignisse vorhanden sein. Mit anderen Worten: die Kategorie Ereignis ist rekursiv. Gleiches gilt aber auch für die Episode: Ereignisse können an verschiedenen Orten geschehen. Eine solche Reihe von Episoden nennen wir den Plot des Erzähltextes.“ van Dijk (1980), S. 141. Damit hält van Dijk an der alten, von den russischen Formalisten getroffenen Unterscheidung von Plot und Fabel fest:

Die Fabel ist das grundlegende Schema der Erzählung, die Logik der Erzählung, die Syntax der Personen, der zeitlich geordnete Ablauf der Ereignisse. [...] Der Plot hingegen ist die Geschichte, wie sie tatsächlich erzählt wird, wie sie an der Oberfläche erscheint mit ihren zeitlichen Verschiebungen, Sprüngen, Einblendungen von vorangegangenen und zukünftigen Ereignissen (beziehungsweise Antizipationen und ‚flash-backs‘), Beschreibungen, Abschweifungen, eingeschobenen Reflexionen. In einem narrativen Text ist der Plot mit den diskursiven Strukturen identisch. Eco (1990), S. 128. Bei Genette entspricht der Fabel die Geschichte und dem Plot die Erzählung.

Die nächste Kategorie, die van Dijk einführt, ist die der Evaluation. Das ist die neutrale Reaktion, Meinung oder Einschätzung des Erzählers nach dem Berichten des Plots. Evaluation und Plot bilden zusammen die Geschichte. Neben der Evaluation gibt es dann noch eine kommunikative Komponente, die das Modell van Dijks vor den anderen auszeichnet – die Moral einer Geschichte Ursprünglich hat van Dijk die Moral mit der Geschichte zusammen als Bestandteile der obersten Kategorie der Erzählung angesetzt, im Modell von 1980 fehlt die Erzählung als oberste Kategorie.:

Schließlich besitzen viele Texte noch eine ‚Ankündigung‘ und einen ‚Schluß‘, die weniger von semantischer als vielmehr von pragmatischer Natur sind und sich daher auf die aktuellen oder zukünftigen Handlungen des Sprechers/Erzählers und/oder des Hörers erstrecken. Ein ganz typisches Beispiel für die Schlußkategorie ergibt die Fabel, bei der am Ende aus der Geschichte eine ‚Lektion‘ oder ‚Lehre‘ gezogen wird, die Moral, gewissermaßen als praktische Schlußfolgerung: Was soll man/muß man fortan tun oder lassen, wenn man sich die Ereignisse vor Augen führt?van Dijk (1980), S. 142.

Ein Problem der van Dijkschen Theorie war stets die Herausfilterung der Makropropositionen. In seinem Aufsatz mit Kintsch von 1975 erarbeitete er dafür drei Makro-Regeln (Verallgemeinerung, Tilgung und Integration) Vgl. van Dijk/Kintsch (1975), S. 269., die bei der Reduktion helfen sollen. Trotz dieser Regeln gelingt die konkrete Reduktion und Herausarbeitung von Makrostrukturen nicht immer und ist alles andere als einfach. Oft scheint nur die Intuition weiterzuhelfen. Vgl. die Versuche der Anwendung auf die 65. Novelle des Heptaméron der Marguerite de Navarre bei Gülich/Raible (1977), S. 272ff. Bei Genette zeigt sich ebenfalls, dass kategorische Zuteilungen viel mit Interpretation zu tun haben. Die Ergebnisse zeigen jedoch, daß sich eine Anwendung der van Dijkschen Theorie lohnt, wenn man sie mit anderen Methoden absichert.