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Strukturalistische Narratologie V

 

Die konsequente Untersuchung von Geschichten einer Gattung nach den Vorgaben Roland Barthes’ zeigt, dass die Texte trotz sehr verschiedener Inhalte ähnlich aufgebaut sind. Ganz offensichtlich gehorchen sie den „extratextuellen Faktoren narrativer Sinnbildung“ Martinez/Scheffel (1999), S. 145..
Die Texte weisen ganz deutlich, wie bereits Todorov gesehen hatte, eine verwandte ‚Oberflächenstruktur‘ auf. Sie entspricht dem generativen Erzählmodell Teun A. van Dijks. Ein Schlüsselbegriff van Dijks ist die semantische Texttiefenstruktur oder Makrostruktur, d. h. eine abstrakte Struktur, die der ‚histoire‘ Todorovs entspricht. 1975 definierte van Dijk die Makrostruktur erstmals folgendermaßen:

Un discours et ses bases de texte implicite et explicite sous-jacentes ne peuvent être caractérisés de façon adéquate en fonction de leur seule structure propositionelle linéaire. Un texte, de façon intuitive, ne se réduit pas à la séquence des phrases qui le constituent. De la même façon qu’une phrase est interprétée et traitée plus avant en fonction des structure hiérarchiques sous-jacentes, de même un discours est interprété, stocké, rappelé en fonction de sa structure d’ensemble que nous appelons sa ‚macro-structure‘. [...] Une macro-stucture est une structure de signification globale d’un texte. van Dijk/Kintsch (1975), S. 101.

Neben dem Terminus ‚Makrostruktur‘ führt van Dijk den Begriff der ‚Superstruktur‘ ein. Diese kennzeichnet einen Texttyp unabhängig vom Inhalt: „Um es metaphorisch auszudrücken: eine Superstruktur ist eine Art ‚Textform‘, deren Gegenstand, Thema, d. h.: Makrostruktur, der ‚Textinhalt‘ ist. Man muss also in Abhängigkeit vom kommunikativen Kontext dasselbe Ereignis in verschiedenen ‚Textformen‘ berichten.“ van Dijk (1980), S. 128. Hier drängt sich die Parallele zur Diskurstheorie geradezu auf. Wenn es Superstrukturen tatsächlich gibt, könnten sie die Ordnung und Spezifika des Spezialdiskurses ‚Prosaerzählung‘ oder, noch eingeschränkter, der ‚Prosanovelle‘ gewährleisten. Eine Novelle könnte dann über ihre Makro- und Superstruktur bestimmt werden.
Die Regeln der Superstrukturen gehören laut van Dijk zum „ganz allgemeinen Sprach- und Kommunikationsvermögen“ van Dijk (1980), S. 130. , werden also von einer Diskursgesellschaft ge- und erkannt. Daraus folgt: „Wenn wir davon sprechen, daß Sprachgebraucher ein Regelsystem implizit ‚kennen‘ und anwenden, dann bedeutet dies, daß dieses System eine psychologische Grundlage besitzen muß, und zwar in Form von ‚kognitiven‘ Regeln/Prozeduren, Kategorien usw.“ van Dijk (1980), S. 133.
Entscheidend für van Dijks Theorie ist, dass sich ein Erzähltext immer auf Handlungen von Personen bezieht. Dieses semantische Merkmal steht an erster Stelle, dagegen sind „Beschreibungen von Zuständen, Objekten oder anderen Geschehnissen diesem ersten deutlich unter- oder nachgeordnet“ van Dijk (1980), S. 140. Ebenso (1975), S. 103: „Un ‚discours narratif‘ est un type spécifique de ‚discours d’action‘.“. Damit führt er, wie vor ihm Claude Bremond, die Analyse auf eine Ebene, die von den an der Grammatik orientierten Strukturalisten bewusst vermieden wurde. Seine Theorie hängt nicht nur an den Handlungen, sondern auch an den Handelnden, den Protagonisten, die man in der strukturalen Erzählanalyse lange nicht beachtete:

Zum einen bilden die Protagonisten (wie immer man sie bezeichnet: ‚dramatis personae‘ oder ‚Aktanten‘) eine unverzichtbare Beschreibungsebene, ohne die die belanglosen berichteten ‚Handlungen‘ inintelligibel bleiben, so daß man sagen kann, es gibt keine einzige Erzählung ohne ‚Protagonisten‘, oder zumindest ohne ‚Agenten‘; zum anderen lassen sich jedoch diese recht zahlreichen ‚Agenten‘ in Begriffen der Person weder beschreiben noch einteilen, entweder weil man die ‚Person‘ als eine historische, auf bestimmte (allerdings die bekanntesten) Gattungen beschränkte Form betrachtet und man folglich den sehr umfangreichen Fall derjenigen Erzählungen (Volksmärchen, zeitgenössische Texte) zurückstellen muß, die Agenten, aber keine Personen enthalten; oder man bekennt sich zu der Auffassung, daß die ‚Person‘ nicht mehr ist als eine kritische Rationalisierung, die reinen narrativen Agenten von unserer Epoche übergestülpt wird. Barthes (1988), S. 122.