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Strukturalistische Narratologie IV

 

Gerade diese dritte Ebene befriedigt in ihrer Darstellung bei Barthes nicht. Es muss noch eine weitere wesentliche Theorie hinzugezogen werden. Gérard Genette hat vor einigen Jahren eine sehr überzeugende narratologische Untersuchung vorgelegt, bei der allerdings zu bedenken ist, dass sie vor allem aus Beobachtungen an Marcel Prousts Recherche hervorgegangen ist. Genette (1994). Französisch erschien der Discours du récit 1972, der Nouveau discours 1983. Dennoch hat er wesentliche Überlegungen angestellt, die bei Barthes fehlen. Seine Narratologie liegt dem Onlinekurs Einführung in die Narratologie zugrunde.
Genette unterscheidet die Begriffe ‚Erzählung‘, ‚Geschichte‘ und ‚Narration‘. Mit ‚Erzählung‘ meint er den narrativen Text, mit ‚Geschichte‘ den narrativen Inhalt, die ‚Narration‘ schließlich betrifft den narrativen Akt, die Erzählhandlung. Er behandelt drei Ebenen der Erzählung:

1. Die Ebene der Zeit, bestehend aus Ordnung, Dauer und Frequenz.
2. Die Ebene des Modus, der den Grad narrativer Information angibt, also das, was Barthes auf der Ebene der Narration behandelt (personaler/apersonaler Erzähler).
3. Die Ebene der Stimme, die Narrationsinstanz. Diese Ebene fehlt bei den Narratologen vor Genette, die nicht streng zwischen Modus und Stimme unterscheiden. Sie ist aber für diffizile Erzählverhältnisse (Genette verweist stets auf 1001 Nacht) mit mehreren Erzählschichten dringend erforderlich.

Zeit und Modus betreffen das Verhältnis von Geschichte und Erzählung, die Stimme dagegen die Beziehung zwischen Narration und Erzählung bzw. Narration und Geschichte. Vgl. Genette (1994), S. 17.