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Strukturalistische Narratologie II

 

Für eine konkrete Analyse ist es zunächst nötig, die Ebenen festzulegen, die analysiert werden. Bereits Propp hat, wie erwähnt, zwei unterschieden. Die meisten Narratologen der Folgezeit teilen die Analyse auf drei Ebenen auf. Cesare Segre spricht in Le strutture e il tempo (11974) von vier Ebenen. Er unterscheidet „fabula“, „modello integrativo“, „intreccio“ und „discorso“. Das Besondere bei der Theorie Segres ist das „modello narrativo“, eine Art Handlungsschema, „das nicht nur für den einzelnen Text, sondern für ganze Textgruppen (wie z. B. Gattungen) charakteristisch sein kann“ Martinez/Scheffel (1999), S. 25.. Die intensive Beschäftigung Segres mit traditionellen Erzähltheorien (Propp, Bremond, Greimas, Barthes) zeigt sein Unbehagen an einer rein strukturalen Betrachtungsweise:

Meines Erachtens muß es, wie ich bereits betont habe, möglich sein, genauso wie man auf einer bestimmten Abstraktionsstufe gezwungen ist, von gewissen Begriffen, Qualitäten oder sogar Ereignissen abzusehen, all das, was ausgeklammert worden ist, auf einer weniger abstrakten Ebene neu zu ordnen. Es muß möglich sein, zu einer funktionalen Systematisierung der Beziehungen zwischen Schlüsselbegriffen, Vorstellungen und Motiven zu gelangen, von denen die Beschreibung der Handlung zwangsläufig abstrahieren muß; ferner der Beziehungen zwischen Personen, deren Transformation eine Novelle oder ein Roman erzählt [...], manchmal auch nur die Auswirkungen solcher Transformationen [...]; schließlich muß eine solche Systematisierung möglich sein für die Arabesken einer Erzählung, nachdem diese zuvor der skeletthaften Form des Erzählmodells zum Opfer gefallen sind. Das ist keine bloße Gedankenspielerei: Eine Erzähltextanalyse stellt sich als ein ernsthaftes Bemühen um Rationalität, mithin die Erforschung von Ursachen dar. Es liegt auf der Hand, daß die Logik der Funktionen nicht alle kausalen Einflußgrößen ausloten kann, sonst wären ja die extrafunktionalen Elemente überflüssige Füllsel. Segre (1980a), S. 131.

Segre fordert nicht nur eine komplexere Methode zur Erfassung von Erzählmodellen, er strebt darüber hinaus eine Einbettung „in den Rahmen der Bemühungen um die Modellierung kultureller Systeme“ an. Segre (1980a), S. 135. Segre versucht, ein Forschungsprogramm Schritt für Schritt zu verifizieren. Leider gelingt ihm das nicht immer. Trotz einer Vielzahl aufschlussreicher Beobachtungen wird die Erzählweise von Texten manchmal nicht erfasst, was vermutlich an Segres Abstraktionsverfahren liegt. Es besteht weniger die Gefahr des Vermischens der „erzählerische[n] Individualität des Schriftstellers“ Segre (1980b), S. 263. als vielmehr des Nichterfassens wesentlicher Elemente der Erzählung. Wichtig ist, dass sowohl die Geschichte mit ihren einzelnen Sequenzen als auch die handelnden Figuren, die poetische Qualität und die Art des Erzählens im Blick bleiben.