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Grundlagen der Narratologie

Grundlagen der Narratologie

Am Anfang der theoretisch fundierten Überlegungen zum Problem des Erzählens standen die Untersuchungen des russischen Literaturwissenschaftlers Vladimir Propp. Das Erscheinen seiner Morphologie des Märchens (1928 in russischer Sprache, 1958 in englischer, erst 1972 in deutscher Sprache) wird gemeinhin als Anfang der strukturalen Erzähltextanalyse betrachtet, selbst wenn seine Werke erst seit den 50er Jahren international rezipiert wurden. In Abgrenzung zur vorangegangenen Märchenforschung, die sich auf Motiv- und Inhaltsfragen konzentrierte und, wie Propp feststellt, wegen „außerordentlichen Reichtum[s] an Themen und Stoffen“ Propp (1975), S. 13.
Propp fehlte vor allem eine systematische Beschreibung des Märchens, „denn eine Genetik ohne die spezielle Untersuchung der Frage einer systematischen Beschreibung zu entwickeln, wie das gewöhnlich getan wird, ist völlig zwecklos. Ehe man die Frage nach dem Ursprung des Märchens stellt, muß natürlich geklärt werden, was das Märchen an sich darstellt.“ Propp (1975), S. 12f. in eine Sackgasse geraten war, wollte Propp eine Klassifizierung des Materials auf induktivem Weg erreichen. Er wählte ein Korpus von 100 Zaubermärchen aus, deren Bestandteile er „nach speziellen Methoden“ zu isolieren und „anschließend auf dieser Basis die einzelnen Märchen“ bzw. deren „Sujets“ zu vergleichen gedachte. „So gelangen wir zu einer morphologischen Darstellung, d. h. zu einer Beschreibung der Märchen auf der Grundlage ihrer Bestandteile sowie deren Beziehungen untereinander und zum Ganzen.“Propp (1975), S. 25. Entscheidend ist für ihn dabei der Begriff der ‚Funktionen‘. Gemeint sind damit die Aktionen der handelnden Personen, die im Gegensatz zu ihren variablen Namen und Attributen konstante Größen innerhalb der Zaubermärchen bleiben: „Daraus kann man folgern, daß das Märchen häufig völlig gleichartige Handlungen verschiedenen Gestalten zuordnet, wodurch eine Analyse des Märchens auf der Basis der ‚Funktionen der handelnden Personen‘ möglich wird.“ Propp (1975), S. 25f. Es ergeben sich durch Isolierung einzelne Sequenzen, die aufeinander folgen können, miteinander verflochten sind oder einander unterbrechen. Bereits Propp spricht dabei das Problem dieser Art der Analyse, die Herausarbeitung der einzelnen Erzähleinheiten, an. Er ist jedoch optimistisch: „Eine exakte Unterscheidung der einzelnen Sequenzen ist zwar nicht immer leicht, aber durchaus möglich.“ Propp (1975), S. 91.
Diese Vorgehensweise Propps ist eine strukturalistische, seine Unterteilung der Märchen in Sequenzen und Funktionen findet sich in fast allen späteren Untersuchungen französischer Narratologen wieder (Roland Barthes übernimmt sogar den Begriff ‚Funktionen‘). Stoffuntersuchungen, die in der Märchen- wie in der Novellenforschung stets für grenzenlose Verwirrung gesorgt haben, stehen für Propp an letzter Stelle:

Auf die Analyse der Einzelelemente muß eine genetische Erforschung des strukturellen Grundprinzips sämtlicher Zaubermärchen folgen. Darüber hinaus sind die Regeln und Formen der Metamorphosen zu untersuchen, und erst dann kann die Frage nach Entstehung und Bedeutung der einzelnen Stoffe behandelt werden. Propp (1975), S. 115.

Ebenso wenig behandelt er die Art der Darstellung, d. h. die sprachliche Seite. Propp (1975), S. 112:
„Der Märchenstil ist ein Phänomen, das gesondert zu erforschen ist.“ Siehe auch Genette (1994), S. 200. Das Hauptproblem bei Propp liegt freilich in der Anwendbarkeit seiner Theorie auf komplexere Erzählungen, bei denen sich einzelne Elemente und Ebenen nicht mehr einfach voneinander trennen lassen, weil sie sich stets wechselseitig beeinflussen. Vgl. Fuchs (1997), S. 26: „Wesentliche Defizite des Propp’schen Modells sind demnach darin zu suchen, daß durch die Fixierung der Perspektive auf das Nacheinander von Aktionen der Zusammenhang der Handlung nicht erschließbar ist.“
Obwohl die Untersuchungen Propps so weit zurückliegen, ist sein Einfluß in narratologischen Theorien noch immer spürbar. Er hat der Erzähltheorie eine Ebene erschlossen, die zuvor unbeachtet blieb: die der Diegesis, die von einem Autor oder Dichter zunächst konsequent absieht, da es rein um die Betrachtung der Abfolge von Handlungen und Ereignissen geht.