Einführung in die Filmnarratologie

Einführung in die Filmnarratologie

„Träger der Erzählung kann die gegliederte, mündliche oder geschriebene Sprache sein, das stehende oder bewegte Bild […] man findet sie im Mythos, in der Legende […], dem Drama, […] dem gemalten Bild […], dem Film, den Comics […] und im Gespräch.“

Roland Barthes: Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen. In: Ders.: Das semiologische Abenteuer. Frankfurt am Main 1988, S. 102–143; hier S. 102.

So hat der französische Strukturalist Roland Barthes in seiner „Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen“ die Beschaffenheit von Erzählungen umrissen. Für Barthes können alle Systeme eine Erzählung ‚tragen‘, die über einen zeichenhaften Charakter verfügen, also ganz allgemein Zeichensysteme sind. Damit sind nicht nur Textsysteme als eine Form von Zeichensystem gemeint, sondern auch andere kulturelle Ordnungen, die aus Bildern oder mündlicher Sprache bestehen. ‚Zeichenhaft‘ bedeutet im strukturalistischen Sinne das arbiträre Verhältnis zwischen einem Signifikant (Bezeichnendes) auf der Ausdrucksebene und einem Signifikat (Bezeichnetes) auf der Inhaltsebene. Die Narratologie als wissenschaftliche Analysemethode hat sich, nachdem sie sich zunächst der Literatur gewidmet hat, an Barthes’ oben zitierter transmedialer Auffassung orientiert. Inzwischen gibt es narratologische Untersuchungen, die sich u. a. mit Fotografie, Theater, Comics und Videospielen beschäftigen.
Wenn man – wie es in den folgenden Lerneinheiten geschehen wird – einen Spielfilm wie einen Erzähltext narratologisch analysieren möchte, muss man sich zunächst die Frage stellen, ob ein Film genauso erzählt wie Literatur. Dass in einem Film neue Welten entworfen werden, in denen Dinge passieren können, die in der Realität nicht möglich sind, scheint auf den ersten Blick ganz offensichtlich. Ebenso leuchtet unmittelbar ein, dass dabei eine Geschichte erzählt wird, die sich innerhalb bestimmter Zeiten, an bestimmten Orten und mit bestimmten Personen abspielt. In diesem Sinne scheint das erzählerische Potential des Films dem der Literatur sehr ähnlich zu sein. Aber wie werden bestimmte Blickwinkel und Perspektiven oder Gefühle der Figuren vermittelt? Wer ist eigentlich der Erzähler in einem Film, wenn niemand eine berichtete Rede mit einer Inquit-Formel einleitet? Und wo genau ist dieser Erzähler im Film zu finden? Wie bei literarischen Texten gibt es auch im Film die Unterscheidung zwischen einer Untersuchung des ‚Was?‘ und des ‚Wie?‘ Mit anderen Worten, die meisten Filmnarratologen beschäftigen sich hauptsächlich mit der Frage, wie der Film seine Erzählung präsentiert. Neben so genannten plot-Untersuchungen, die sich eher mit der Dramaturgie und der Geschichte, also dem ‚Was?‘ eines Films beschäftigen, ist die Präsentation der Erzählung einer der Hauptgegenstände der Filmnarratologie, die als ‚junge‘ Wissenschaft ständig im Begriff ist, Schwerpunkte, Terminologie und Erkenntnisinteresse zu wechseln. Ältere Forschungen zur Erzähltheorie haben dem Film aufgrund dieser Fragen zwar ein hohes erzählerisches Potential bescheinigt, bemängelten aber weiterhin, dass der Film nicht fähig sei, die inneren Prozesse einer Figur darzustellen. Das war oft die Grundlage für eine Diskussion, in der dem Film sein erzählendes Moment im Sinne von Platon abgesprochen wurde: Weil der Film nicht fähig sei, diegetisch zu erzählen, also Distanz zwischen dem Zuschauer und der erzählten Welt mit Hilfe der Erzählung von Ereignissen oder auch von Worten zu vermitteln, sei der Film doch eher zu den klassischen mimetischen Künsten wie dem Theater zu zählen und habe keinen Erzähler.
Wer den Film mit den gleichen Parametern wie der Literatur misst, wird allerdings dem Medium nicht gerecht und verkennt, dass der Film eben nicht zu denjenigen Zeichensystemen gehört, die zugleich auch schriftsprachliche Textsysteme sind. Aus diesem Grund schreibt der Filmwissenschaftler James Monaco in seinem Handbuch „Film verstehen“:

„Film ist keine Sprache, aber er ist wie eine Sprache, und da er wie eine Sprache ist, können einige der Methoden, die wir zum Studium von Sprache benützen, auch mit Erfolg beim Studium eines Films Anwendung finden.“

James Monaco: Film verstehen. 5. Auflage. Reinbek bei Hamburg 2004, S. 158.

Während der literarische Erzähler über verschiedene Formen von Mimesis und Diegesis den mentalen Zustand und die Gedanken einer Figur vermittelt, übernehmen im Film andere Instanzen diese Funktion. Diese Instanzen sind durchaus mit dem Erzähler zu vergleichen, sie werden daher auch filmischer Erzähler oder narrative Instanz genannt und können mit Hilfe der Filmnarratologie erschlossen werden. Wie in der Literatur lassen sich an den Film Fragen stellen, die sowohl auf der Ebene der Geschichte beantwortet werden können als auch – und das zum größten Teil – auf der Ebene der Erzählung. Beide hängen in der Praxis untrennbar zusammen, aber in der Theorie ist es möglich, sie getrennt voneinander zu analysieren. Denn nach wie vor gilt das Genettesche Diktum: „Geschichte und Narration existieren […] nur vermittelt durch die Erzählung.“ Gérard Genette: Die Erzählung. 2. Auflage. München 1998, S. 17. Im Folgenden wird aus diesem Werk nur mit Seitenangabe zitiert.

Einige Kategorien konnten dabei übernommen werden, in vielem musste die Filmwissenschaft allerdings neu ansetzen und erhebliche Modifikationen leisten.
Das Modul „Einführung in die Filmnarratologie“ orientiert sich an dem Modul „Einführung in die Narratologie“. Die erfolgreiche Absolvierung des vorliegenden Moduls setzt also die Kenntnis der Genetteschen Grundbegriffe und deren Anwendung voraus. Im Folgenden werden die Grundlagen der filmnarratologischen Analyse vermittelt: Nach einem Abriss zum filmischen Zeichen folgt eine Darstellung der filmischen Geschichte und Erzählung.

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