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Filmische Erzählung III

 

All diese eben exemplifizierten Puzzleteile des kinematographischen Materials sind die Teile des filmischen Erzählers bzw. der narrativen Instanz, die die Erzählung zum Zuschauer transportiert. Der Filmnarratologe Seymour Chatman hat in seiner Auseinandersetzung mit Genette die Vorstellung der narrativen Instanz im Film in ein Schema übertragen, welches die Grundlage für das hier dargestellte Organigramm bildet: Seymour Chatman: Coming to Terms. The Rhetoric of Narrative in Fiction and Film. London/Ithaca 1990, S. 124–138; hier S. 135.

narrative Instanz

Anhand der Peter-Geschichte konnte deutlich gemacht werden, wie der Film mit seinen Mitteln eine Geschichte erzählen kann. Allerdings ist es weiterhin offen, wo genau diese narrative Instanz im Film zu fassen ist, wenn es niemanden gibt – außer eventuell der VON –, der die Handlung von Ereignissen und Worten mit einem „sie sagte“ einleitet, in der narrativisierten Rede spricht oder die Fokalisierung auf eine bestimmte Figur artikuliert. Niemand also, der als ‚Stimme der Erzählung‘ in Erscheinung tritt. Für die literarische Erzählung wurde diese Kategorie in der Lerneinheit „Stimme“ besprochen.
Während der literarische Erzähler über verschiedene Formen von Mimesis und Diegesis den mentalen Zustand und die Gedanken einer Figur vermittelt, übernehmen ebenfalls die kinematographischen Komponenten die Funktion der „Stimme“, ein Ausdruck, der aufgrund des hochgradig technischen Mediums Film ad absurdum geführt wird.
Wieder einmal ist der Film von Gleichzeitigkeit geprägt, denn die Bereiche Modus und Stimme sind bei der Analyse der filmischen Erzählung noch schwerer zu trennen als bei der literarischen. Zwei Analysekategorien, die in der literarischen Analyse aufgrund der schriftlich-linearen Voraussetzungen noch zu trennen waren, fallen im Film oftmals scheinbar in eins: Die Kamera z. B. ‚zeigt‘ mit ihrem Blickwinkel auf eine Person und kann so auch eine Identifikation mit ihr oder anderen Figuren der Diegese erzeugen, sie kann durch ihre Bewegung, ihren Standpunkt und ihren variablen Abstand zum gezeigten Gegenstand eine bestimmte Stimmung in der Handlung vermitteln und so auch narrative Funktionen im Sinne von Genettes Kategorie der „Person“ des Erzählers besitzen. Dadurch, dass sie uns durch den ganzen Film mit ihrem stummen Zeigen führt, bildet sie so etwas wie die ‚diegetische Basis‘ dessen, was wir auf der Leinwand sehen. Sie ist auf diese Weise der ständig im Hintergrund präsente Erzähler, der gleichzeitig sehend und zeigend fokalisiert und erzählt.
Der Schauspieler als Teil der narrativen Instanz kann gleichzeitig in Worten und Ereignissen erzählen, da er zugleich handeln und sprechen kann. Auf diese Weise kann er gleichzeitig unmittelbar und mittelbar erzählen – eine Eigenschaft, die in der Literatur aufgrund der unüberwindbaren Linearität innerhalb eines Textsystems immer nachzeitig erfolgen muss.
Die VON ist aufgrund ihrer tatsächlich anthropomorphen Stimme eine filmische Erzählinstanz, die dem eines literarischen Erzählers mit seinen narrativen Attributen schon sehr nahe kommt. Alles, was in einem Roman unter Prozessen verstanden wird, die im ‚Inneren‘ einer Figur ablaufen, wird über dieses Material nach außen zum Zuschauer getragen. Ton, Musik, digitale Bildbearbeitung und Soundeffekte sowie die Ausstattung eines Films unterstützen diesen Vorgang. Die Montage übernimmt dann u. a. die zeitliche Ordnung einer Erzählung, die in der nachfolgenden Lerneinheit noch näher untersucht wird.

Es erfordert einiges Umdenken, den Film nicht mit dem Verständnis eines Textsystems zu ‚lesen‘, die scheinbare Gleichzeitigkeit auf allen Ebenen des Films zu erfassen und die Vorstellung eines in der Literatur möglicherweise zentralen Erzählers in die einzelnen Komponenten einer erzählenden Instanz aufzuspalten. Wenn dies gelingt, ist ein wesentlicher Schritt in Richtung ‚Filmverstehen‘ getan.