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Das filmische Zeichen I

Das filmische Zeichen

Ein wesentlicher Unterschied im Vergleich zur Literatur ist, dass wir als Zuschauer und Zuschauerinnen (im Folgenden wird die männliche Form benutzt) die erzählten Bilder im Film sehen und nicht erst beim Lesen imaginieren müssen. Am Anfang des Moduls wurde schon auf den Aufbau des Zeichens innerhalb eines Zeichensystems eingegangen: Die Ausdrucksebene des Signifikanten korreliert mit der Inhaltsebene des Signifikats. Das filmische Zeichen weist in seiner Wahrnehmung von Seiten des Zuschauers allerdings einige Besonderheiten auf, hierfür hat Monaco den Begriff „Kurzschluss-Zeichen“ (Monaco, S. 158) gewählt. Damit ist gemeint, dass dem Zuschauer mit dem filmischen Einzelbildjede einzelne Kader des Filmstreifens als Signifikant immer schon ein Signifikat mitgeliefert wird. Die Pistole, die Anna anfangs im Film gesehen hat, nimmt auf diese Weise den Illusionsbildungsprozess des Zuschauers vorweg und er muss sie sich nicht mehr vorstellen. Die zeitliche Spanne im Wahrnehmungsprozess des Zuschauers, die er vom Signifikanten zum Signifikat zurücklegt, ist jetzt so kurz, dass er sie eben nur als eine Art ‚Kurzschluss‘ wahrnimmt. Aufgrund dieses mikrostrukturellen Unterschieds zum schriftsprachlichen Zeichen kommt vielen das Filme-Sehen wesentlicher leichter vor als das Literatur-Lesen. Gleichzeitig wird die Phantasie aber auch eingeschränkt: Wir stellen uns selten noch zusätzlich eine andere Pistole vor als die, die uns im Film gezeigt wird. Monaco fasst den Unterschied zwischen literarischem und filmischem Zeichen so zusammen:

„Die Auswahl des Künstlers im Film hat keine Grenzen; die Auswahlmöglichkeit des Künstlers in der Literatur ist eingeschränkt, während für den Rezipienten das Gegenteil gilt: Das Großartige an der Literatur ist, daß man sich Vorstellungsbilder machen kann; das Großartige am Film ist, daß man es nicht machen kann.“ (Monaco, S. 160)

Wenn nun Bezeichnendes (Signifikant) und Bezeichnetes (Signifikat) im Film so eng zusammen fallen, heißt das nicht, dass das filmische Zeichen gar nicht erst interpretiert werden muss. Ein filmisches Zeichen ist allerdings selten so einfach zu entschlüsseln wie das oben genannte Beispiel, denn da ging es nur um einen einzigen Gegenstand, der abgebildet wurde. Auf einem Einzelbild sind aber meistens mehrere Gegenstände zu sehen und zusätzlich zu diesem so genannten visuellen Kanal, gibt es auch noch den auditiven Kanal, auf dessen Ebene der Ton liegt und eine Fülle von anderem kinematographischem Material, welches den Film, so wie der Zuschauer ihn auf der Leinwand sieht, ausmacht und das im Folgenden noch näher erklärt werden wird.
Filmwissenschaftler wie Christian Metz haben zunächst versucht, den Film trotz seiner abweichenden Struktur wie einen Text zu untersuchen, um herauszufinden, welches nun die kleinste bedeutungstragende Einheit des Films ist. Diese Frage ist für Narratologen deswegen wichtig, weil nur so auch auf die nächst höheren narrativen Ebenen einer Erzählung zugegriffen werden kann: die Ebene des narrativen Ereignisses, der vielen Ereignisse und schließlich der ganzen Erzählung. Was also ist die kleinste bedeutungstragende Einheit des Films? Technisch gesehen kann tatsächlich das Einzelbild die kleinste filmische Einheit bilden, dessen Analyse losgelöst allerdings wenig Sinn macht. Spätestens wenn man sich weitere dramaturgische Einteilungen der filmischen Erzählung ansieht, z. B. die Kameraeinstellungeine unbestimmte Anzahl von Einzelbildern, die nicht durch einen Schnitt getrennt sind oder die Szeneeine Einheit von Kameraeinstellungen, die über den Inhalt zusammenhängen, wird schnell deutlich, dass man sich schon längst von einer Analogie zu der Reihe ‚Wort – Satz – Textabschnitt‘ entfernt hat. In der Filmanalyse wird die oben erwähnte Kameraeinstellung (oft mit Einstellung abgekürzt) benutzt, wenn innerhalb einer Szene ‚zitiert‘ wird. Sie eignet sich daher am ehesten, um kleinere ‚Bedeutungsabschnitte‘ des Films zu beschreiben. Um das Problem der kleinsten filmischen bedeutungstragenden Einheit einzugrenzen, spricht Monaco trotz der sich anbietenden Kameraeinstellung von einem „Bedeutungskontinuum“:

„Tatsache ist, daß der Film, anders als die geschriebene oder gesprochene Sprache, nicht aus Einheiten als solchen zusammengesetzt ist, sondern daß er eher ein Bedeutungskontinuum ist.“ (Monaco, S. 161).

Der Film hat also keine kleinste bedeutungstragende Einheit, er besteht eher aus einer unzähligen Fülle von einzelnen Informationen, die die Voraussetzung für filmisches Erzählen bilden. Und wenn der kleinste Baustein eines zeichenhaften Systems sich in dieser Form von dem literarischen Textsystem unterscheidet, wirkt sich das auch auf größere – erzählerische – Zusammenhänge aus.