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Implizite Ellipse

Ellipse

Bevor die Ellipsen des Beispielfilms analysiert werden, müssen einige grundlegende Bemerkung zum elliptischen Erzählen im Film erfolgen: Stärker noch als in der Literatur ist der Film durch seine Montage per se elliptisch, d. h. die so genannten „Risse im Zeitkontinuum“ (S. 34) entstehen bei jedem einzelnen Schnitt, der nicht direkt an die Handlung in der vorangegangenen Einstellung anschließt. In gewisser Weise kann man diese Ellipsen, die durch die so genannten unsichtbaren oder harten Schnittevom Zuschauer möglichst unbemerkte Schnitt-Technik, die ihm die größtmögliche Kontinuität in Raum und Zeit der erzählten Geschichte vermitteln soll entstehen, zu den hypothetischen Ellipsen zählen. Darüber hinaus gibt es allerdings Ellipsen, die dem Zuschauer besonders deutlich ‚ins Auge springen‘, weil sie – anders als die unsichtbaren Schnitte – offensichtlicher montiert sind. Der Regisseur vertraut an dieser Stelle dem kulturellen Code des Zuschauers, der während des Rezeptionsprozesses in der Lage sein sollte, die fehlenden Informationen zu ersetzen. Diese Ellipsen werden nun zu den impliziten Ellipsen gezählt, während die expliziten Ellipsen der Definition Genettes gemäß erfolgen (vgl. S. 76).

1. Implizite Ellipsen
Die erste implizite Ellipse entsteht, nachdem Ordell Louis anruft, um ihm zur Abschreckung den toten Kleinganoven Beaumont im Kofferraum zu zeigen. Man sieht Louis zunächst mit seiner Freundin Simone in ihrem Zimmer, das Telefon klingelt und Ordell bittet Louis herunter auf die Strasse zu kommen. Es erfolgt ein Schnitt und die nächste Einstellung zeigt Louis und Ordell vor dem geöffneten Kofferraum. Durch Louis’ unvermittelte Frage: „Wer ist das?“ wird die elliptische Auslassung, in der Louis den Hörer aufgelegt und herunter auf die Strasse gegangen sein muss noch verstärkt. Gleichzeitig kontrastiert die Szene den Unterschied zwischen dem etwas phlegmatischen Louis und dem aufbrausenden Gangster Ordell, der gerade einen Mord begangen hat. Auf Ebene der Geschichte ist diese Einführung der Charaktere für den Verlauf des Films exemplarisch.
Ein weiteres Beispiel für eine Ellipse ist der Schnitt zwischen dem Abend, an dem Jackie Ordell erpresst hat und ihn zur Tür bringt und dem nächsten Tag. Jackies Tür fällt zu und wird anschließend wieder geöffnet. Nun ist es Tag und Max steht vor der Tür, um seine Pistole abzuholen. Das Zufallen und Öffnen einer Tür ist ein beliebtes filmisches Mittel, um implizit in eine andere Zeit zu springen.

Noch eine Anmerkung zu dieser Ellipse: Bevor Jackie Ordell zur Tür bringt, erzählt sie ihm ihre „Idee“, deren Inhalt allerdings mit einer roten Überblende zur Tür ausgespart wird. Eine klassische Paralipse eigentlich, dessen fehlendes Handlungssegment aber nicht mit einer Analepse nachgeliefert wird, sondern in einem späteren Dialog zwischen den beiden. Diese Form der nachträglichen Informationsübermittlung spricht Genette leider nicht an und soll deswegen als Randbemerkung in unserer Analyse stehen bleiben.