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Zeit

Zeit der filmischen Erzählung

Die Zeit der Erzählung ist ein wesentliches Element von Narrativität überhaupt. Dabei ist die Zeit der filmischen Erzählung nicht so weit von der literarischen entfernt, wie man zunächst annehmen könnte. Genette leitet sein Kapitel zur Zeit der Erzählung sogar mit einem Zitat von Christian Metz ein, einem bekannten Filmsemiotiker, der feststellt:

„Zur Erzählung gehört eine doppelte temporale Sequenz […]: es gibt die Zeit des Erzählten und die Zeit der Erzählung […].“

Christian Metz: Essais sur la signification de cinéma. Paris 1968; zitiert aus: Gérard Genette: Die Erzählung. 2. Auflage. München 1998, S. 21. Im Folgenden wird aus dem letztgenannten Werk nur mit Seitenangaben zitiert.

Diese „Zeitdualität“ (S. 21) besteht aus dem Unterschied zwischen erzählter ZeitZeit der Geschichte und ErzählzeitZeit der Erzählung, der sowohl für die literarische als auch für die filmische Zeit gilt. Genette vergleicht die beiden sogar direkt, wenn er sagt:

„Wie die mündliche oder filmische Erzählung kann sie [die schriftlich-literarische Erzählung, Anm. d. Verf.] nur in einer Zeit ‚konsumiert‘, das heißt aktualisiert werden, nämlich in der der Lektüre“. (S. 21)

Tatsächlich ist es eine Gemeinsamkeit der beiden Medien, dass sie sich erst über den Lektürevorgang bzw. durch den Betrachter konstituieren. Dabei ist die Lektürezeit, also die Zeit der Erzählung, die Genette als „Pseudo-Zeit“ bezeichnet (S. 22), allerdings schlechter zu fassen als die Zeit, die man braucht um einen Film zu schauen. Denn wenn sich fünfzig Zuschauer in einem Kinosaal einen Film anschauen, haben sie exakt die gleiche Betrachtungszeit (zumeist zwischen 90 und circa 120 min.), wohingegen fünfzig Leser ein Buch in völlig unterschiedlicher Lektürezeit konsumieren können. Dennoch ist auch die filmische Erzählzeit eigentlich eine Pseudo-Zeit, denn mit Hilfe variabler Abspielzeiten ist es durchaus möglich, die Betrachtungszeit eines Films zu variieren. Die filmische Erzählzeit hängt eng mit der Dauer einer Erzählung zusammen und soll dort noch einmal aufgegriffen werden.
Für das Kapitel „Zeit der Erzählung“ wird der Film „Jackie Brown“ von Quentin Tarantino zur Analyse herangezogen. Der Beispielfilm zeichnet sich vor allem durch seine anachrone Erzählung aus, die hauptsächlich durch Analepsen in Form von flash-backs und den der Analepsen zeitlich vor gelagerten Paralipsen vermittelt wird. Da die Geschichte des Films außerordentlich komplex ist – die Stewardess Jackie Brown trickst sowohl den Waffenhändler Ordell als auch die Polizei aus und hat am Ende eine halbe Million Dollar – funktionieren die Analepsen sowohl als Spannungsmomente als auch als komprimierte Handlungsstränge, die die Geschichte des Films vorantreiben. Der Zuschauer ist zur aktiven Teilnahme an der Entschlüsselung der Geschichte beteiligt, man kann sogar sagen, dass die Entschlüsselung dieser für den Zuschauer das treibende Element von „Jackie Brown“ überhaupt ist. Außerdem prägt die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Handlungen den vorliegenden Film. Es gelingt dem Film mit Hilfe von Parallel-Montagen, flash-backs und repetitivem Erzählen die gleichzeitigen Handlungselemente, die alle zur Basiserzählung gehören, zu erzählen.