Ideologische Funktion

Ideologische Funktion

Eine eher „didaktischere Form“ (S. 184) ist die ideologische oder belehrende Funktion des Erzählers, wobei es diesem um eine Belehrung des narrativen Adressaten geht. Die Belehrung kann oft nur mittels des kulturellen Codes des Zuschauers ermittelt werden, denn nicht immer ist es ganz klar, wem die Autorität innerhalb einer (filmischen) Erzählung zuzusprechen ist. Diese muss demnach erst über die jeweiligen Wert- und Moralvorstellungen des Zuschauers ermittelt werden.

Bei „American Beauty“ ist es die Kamera, die an einer bestimmten Stelle eine belehrende Funktion übernimmt, zusammen mit der Entscheidung des Zuschauers, diese Szene als Belehrung zu verstehen. In der Szene, die dazu beiträgt, dass der Colonel Fitts Lester später umbringen wird, sieht der Colonel seinen Sohn und Lester durch das Fenster und vermutet daraufhin, dass die beiden ein sexuelles Verhältnis miteinander haben.
Diese Szene wurde bereits in der Lerneinheit „Modus“ im Abschnitt „Filmischer Modus im Kameraverhalten“ ausführlich behandelt und soll nun noch einmal unter dem Aspekt ‚Person des filmischen Erzählers‘ aufgegriffen werden. Dabei kommt die Analyse der Stimme nicht ohne den Gebrauch ihrer modalen Eigenschaften aus, d. h. Modus und Stimme liegen in diesem Beispiel eng beieinander. Die Kamera als ‚stumme’ narrative Instanz bedient sich über ihre modalen Eigenschaften einer Narration, die nicht über das tatsächliche Sprechen erzählt, sondern über Perspektive und Distanz, mittels derer sie zum Zuschauer spricht. Sie berichtet abwechselnd über die Perspektive des POV von Fitts und aus der Übersicht auf Rick und Lester und gibt dem Zuschauer so die Möglichkeit, die beiden Perspektiven miteinander zu vergleichen bzw. ihre belehrende Funktion zu erfassen
Wir sehen mit dem POV des Colonel Fitts, wie dieser durch sein Fenster hinüber in das Fenster der Burnhams schaut, die Begrüßung zwischen seinem Sohn und seinem – lediglich mit Jogginghose bekleideten – Nachbarn Lester, der sich kurz darauf  im Sessel zurücklehnt. Von seinem Sohn sieht der Colonel nur, dass dieser vor Lester verschwindet.
Zwischenzeitlich wechselt die Kamera allerdings den Raum und zeigt das Geschehen noch einmal aus der nullfokalisierten Übersicht, diesmal sind es Lester und Rick, von denen die Kamera berichtet, wie sie sich begrüßen und anschließend zusammen einen Joint drehen. Rick lehnt sich dabei über den kleinen Tisch, der vor Lester steht, den der Colonel Fitts wiederum von seinem Fenster aus nicht sehen kann.
Die Kamera präsentiert uns als Zuschauer zwei verschiedene Perspektiven, die aber einen Narrationsakt darstellen. Dieser Teil der narrativen Instanz übernimmt innerhalb dieses Narrationsaktes eine belehrende, ideologische Funktion, die bereits im Untertitel des Films formuliert ist: „…Schauen Sie genau hin.“ Diese Aufforderung ist bereits Teil der Belehrung, die den Zuschauer dazu anregen soll, sich für eine der beiden Perspektiven zu entscheiden, d. h. mit Hilfe seines kulturellen Codes die Belehrung der filmischen narrativen Instanz zu verstehen.