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Beglaubigungsfunktion

Beglaubigungsfunktion

Der Wahrheitsgehalt einer erzählten Geschichte kann von der narrativen Instanz in Frage gestellt oder aber durch die Beglaubigungsfunktion bekräftigt werden. Im filmischen Erzählen ist der Zuschauer insbesondere in Bezug auf das Kameraverhalten auf die ‚richtige‘ Wiedergabe der Geschehnisse angewiesen und vertraut dieser erstaunlicherweise wesentlich eher als einer der schriftsprachlichen Erzählung ähnlichen Stimme wie die der VON. Dies hängt mit der kulturellen Codierung zusammen, die anscheinend technischen Instanzen ein höheres Maß an Objektivität zutraut als Menschen. Nicht nur, dass der Zuschauer der Kamera vertraut in dem, was sie zeigt, sondern auch in dem, wie sie es zeigt. Dabei können aber ganz einfache Änderungen der Kamera in Bezug auf Standort und Bewegung schon dazu führen, dass diese unglaubwürdig zu sein scheint. Beispielsweise, wenn sie die so genannte Achsensprung-Regel„Die Kamera darf eine gedachte Achse zwischen den handelnden Figuren im Bild nicht überspringen, um so für die Zuschauer die räumliche Orientierung, eine Kontinuität der Bewegung von Aufnahme zu Aufnahme und – besonders bei Großaufnahmen – den Bezug der Personen zueinander zu erhalten.“ James Monaco: Film verstehen. Reinbek bei Hamburg 1980, S. 541. verletzt oder aus Perspektiven berichtet, die für den Zuschauer unrealistisch wirken. Dies ist in unserem Beispielfilm dann der Fall, wenn die Kamera aus der Froschperspektive des toten Vogels heraus erzählt, den Rick filmt.

Es gibt eine Beglaubigungsfunktion in „American Beauty“ die im wahrsten Sinne des Wortes die „testimoniale“ Funktion (S. 184) des filmischen Erzählers erfüllt: Mittels der VON spricht Lester am Ende des Films noch einmal zu den Zuschauern und versichert, dass er keine Wut über sein Schicksal verspürt. Nachdem er von der „Schönheit auf der Welt“ gesprochen hat, die ihn statt der Wut dazu veranlasst, dankbar zu sein, schließt er seine Erzählung mit den Worten: „Ich bin sicher, Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede. Aber keine Angst, eines Tages verstehen Sie es.“
Interessant in Bezug auf die Person des Erzählers und sein ‚Testament‘ ist, dass bei den Worten „eines Tages verstehen Sie es“ das Filmbild bereits schwarz ist. Der extradiegetische Erzähler Lester Burnham ist an diesem Punkt nur noch auf seine menschliche Stimme reduziert, der visuelle Kanal ist bereits ausgeschaltet und damit auch die Figur Lester und dessen Part als intradiegetische narrative Instanz. Genette hat diesen Punkt der Erzählung folgendermaßen umschrieben: „Mit dem letzten Satz des Erzählers ist der Held endlich bei seinem ersten angekommen.“ (S. 162) Bezogen auf „American Beauty“ heißt das, dass zum Schluss nur noch das letzte Wort des extradiegetisch-homodiegetischen Erzählers Lester bleibt, der zugleich der Held der Erzählung war und sein wird. Von seinem unbekannten Ort aus erfüllt er seine testimoniale Funktion.