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Extradiegetisch-homodiegetischer Erzähler

Extradiegetisch-homodiegetischer Erzähler

Ein filmischer Erzähler, der seine eigene Geschichte auf erster Stufe erzählt, kann im Film über die VON oder die Figuren realisiert werden. In „American Beauty“ erzählt die intradiegetisch-homodiegetische Figur Lester Burnham während des ganzen Films u. a. mittels einer extradiegetischen-homodiegetischen VON von seinem Leben und den Umständen, die zu seinem Tod führten. Durch die enge inhaltliche Verknüpfung, die durch die ständige Referenz der VON auf das Geschehen im Bild entsteht, wird allerdings der Eindruck verstärkt, auch die VON als Teil der narrativen Instanz könnte intradiegetisch, also auf einer Ebene mit der Figur im Bild, sein. Die Bild-Ton-Verknüpfung verursacht demnach eine parallele Narration von zwei Komponenten der filmischen narrativen Instanz, wovon die eine (die Figur Lester im Bild) intradiegetisch ist und die andere (Lester mit der Stimme der VON) extradiegetisch.

Am Anfang des Films z. B. kommentiert die VON als Stimme der Figur Lester Burnham in Kombination mit dem visuellen Kanal seinen Wohnort und sein Leben: „Mein Name ist Lester Burnham. Das ist mein Stadtviertel. […] Das ist mein Leben.“ Dann folgt der Zusatz: „In weniger als einem Jahr bin ich tot.“ Dazu informiert uns seine Stimme (mit Stimme ist an dieser Stelle sowohl die Genettesche Kategorie als auch die tatsächliche Stimme der VON gemeint): „Natürlich weiß ich das jetzt noch nicht.“ Während die narrative Instanz der VON spricht, sehen wir im Bild die Figur Lester, wie sie im Bett liegt und dann mühsam aufsteht. Wie schon mehrmals erwähnt, ist es durchaus möglich, dass die VON auch intradiegetisch fungiert, wenn sie z. B. als Stimme einer Figur das Geschehen im Bild ausschließlich im gleichzeitigen Erzählen kommentiert. In dem vorliegenden Filmbeispiel betrachtet die VON von Lester also das Geschehen nicht von außen, weil sie sich auf dem auditiven Kanal außerhalb des Bildes bewegt, sondern aufgrund ihrer Stellung als Erzähler, der bereits tot und daher zwangsläufig extradiegetisch ist. Der tote Erzähler Lester Burnham ist außerdem Beweis für die Paradoxie, dass narrative Instanzen nicht unbedingt mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet sein müssen, obwohl sie zum Zuschauer oder Leser sprechen. Dieses Beispiel ist mit einem literarischen extradiegetischen-homodiegetischen Erzähler zu vergleichen, nur dass sich bei diesem die Ebene der Narration und die Beziehung zur Geschichte nicht in zwei verschiedene kinematographische Komponenten aufteilen, sondern dass der literarische Erzähler über ein Medium, nämlich die Schriftsprache, in Erscheinung tritt.

Der Unterschied zwischen der intradiegetischen Figur Lester im visuellen Kanal und der extradiegetischen VON im auditiven Kanal wird noch einmal kurz vor Ende des Films deutlich: Lester spricht wieder über die VON zum Zuschauer, die Kamera gleitet dabei wieder einmal über die Straße der Burnhams. Mit den Worten: „Erinnern Sie sich an die Plakate, auf denen stand: ‚Heute ist der erste Tag vom Rest ihres Lebens?‘ Nun, das trifft auf jeden Tag zu, außer auf einen: auf den Tag, an dem man stirbt“ ruft Lester mittels seiner VON dem Zuschauer ins Gedächtnis, dass er als extradiegetischer Erzähler über die VON von einem anderen Punkt aus spricht als die intradiegetische Figur Lester. Nach diesem Eingriff des extradiegetischen Teils der narrativen Instanz über die VON gibt diese ihren Einsatz an die intradiegetische Figur ab, die nun als narrative Instanz das Geschehen im visuellen Kanal weiter erzählt.
Innerhalb dieser homodiegetischen Funktion ist Lester als Held der Erzählung über seine extradiegetisch-heterodiegetische Person hinaus autodiegetisch (vgl. S. 176), d. h. er steht im Mittelpunkt der filmischen Erzählung.