Springe direkt zu Inhalt

Gleichzeitige Narration

Gleichzeitige Narration

Die Gegenwart der Figuren, die der Filmwissenschaftler Knut Hickethier im obigen Zitat beschreibt, ist auch immer die Gegenwart der Kamera, durch deren Vermittlung die Figuren im Präsens erzählen. Aber genau wie bei der literarischen gleichzeitigen Narration, hat die Kamera als narrative Instanz von ihrem unbestimmten Ort außerhalb der Diegese durch ihren selektiven Bildausschnitt schon vorher ausgewählt, was sie uns als Zuschauer (in der Gegenwart) erzählen will. Die Kamera als narrative Instanz ‚spricht‘ nicht, d. h. sie ist kein narrativer Apparat, der mit menschlichen Fähigkeiten wie der Stimme ausgestattet ist, sondern sie beweist durch ihre ‚stumme‘ Selektion, dass sie durchaus als Erzähler im Film in der Lage ist, dem Zuschauer die Ereignisse in einer ganz bestimmten Form zu präsentieren. Diese Präsentation hängt immer eng mit den modalen Eigenschaften der narrativen Instanz zusammen, denn die Kamera kennt keinen anderen Weg, als über die Perspektive und Distanz ihre Selektion dem Zuschauer als narrativen Adressaten mitzuteilen.

Dass die Zeit der Narration im Kameraverhalten gleichzeitig im Sinne von Genette ist (vgl. S. 154), heißt nicht, dass die Kamera immer genau dann spricht, wenn sie das Geschehen zeigt, Narration und Geschichte also aufeinander treffen. Es gibt allerdings Erzählformen des Films oder des Fernsehens, beispielsweise die Reality-Soap,Serienformat, in dem die Kamera die Geschichte live aufzeichnet in denen die Narration fast identisch mit der Geschichte ist (vgl. S. 154, Fußnote Nr. 10). 

Der flash-back, der bereits in den Lerneinheiten „Zeit“ und „Modus“ eingeführt wurde, um Perspektiven- und Zeitwechsel zu markieren, kann im Gegensatz zur präsentischen Form der Kamera eine „spätere Narration“ (S. 154) herstellen. Bei dieser Form der filmischen Retrospektive wirken mehrere kinematographische Komponenten zusammen: Ein Farbfilm wird schwarz-weiß, die Musik verändert sich oder die Figur spricht im Off zu den gezeigten Bildern und erzählt, was sie in der Vergangenheit erlebt oder gedacht hat. Aber selbst diese Form der Zeit ist im Hinblick auf das Kameraverhalten eine gleichzeitige Narration, denn die Kamera erzählt aufgrund ihrer technischen Beschaffenheit immer im Präsens. Einzig das angelernte Wissen der Zuschauer über bestimmte kinematographische ‚Erzählregeln‘ entscheidet in diesen Fällen darüber, dass sich die dargestellten Szenen in der Vergangenheit befinden.

Die VON ist als einzige Komponente im kinematographischen Code diejenige, die die Zeit ihrer Narration, im Gegensatz zur Kamera und den Figuren, mittels ihrer ihr eigenen Merkmale variieren kann. Aufgrund ihrer in mündlicher Form vorgetragenen Schriftsprache verfügt die VON über menschliche Eigenschaften, die während der narratologischen Analyse leicht dazu verleiten, diese kinematographische Komponente als die einzige Erzählerstimme zu behandeln. Wie oben schon deutlich wurde, verfügen aber die anderen Mittel des kinematographischen Codes ebenfalls über eine narrative Stimme, die sich jedoch immer wieder von ihrem metaphorischen Sprachgebrauch befreien müssen.

Die VON in „American Beauty“ erfolgt, wie die Kamera, ausschließlich in gleichzeitiger Narration, die das Geschehen und die Figur Lester im Bild kommentiert. Dabei sind beide ‚Lesters‘, der Lester der VON im auditiven Kanal und der Lester als die Figur im visuellen Kanal, als Teile der filmischen narrativen Instanz zu verstehen. Nur, dass die VON das Geschehen im Bild immer wieder um einige ‚Erkenntnisse‘ von Lester Burnham als Figur erweitert. Der Erzähler der VON erzählt also als Figur Lester in der gleichzeitigen Narration von Ereignissen, die er selbst als narrative Instanz erst später zusammengefasst haben kann. Die Tatsache, dass er bei seinen Auftritten in Form der VON bereits tot ist, verstärkt auf absurde Weise den Charakter dieser scheinbaren Nachzeitigkeit. Er streut in seine gleichzeitige Narration Informationen ein, die nicht mit der späteren Narration verwechselt werden dürfen.

Das folgende Beispiel aus „American Beauty“ macht deutlich, dass es sich in der Zeit der Narration innerhalb der VON um eine Gleichzeitigkeit handelt, die aber immer schon die nachzeitige Reflexion des Erzählers Lester beinhaltet: Lester bemerkt in der gleichzeitigen Narration der VON, dass es „was ganz Tolles“ sei, wenn man erkenne, dass man immer noch die Fähigkeit besitze, sich selbst zu überraschen. Dann folgt er seiner Narration im visuellen Kanal und verweist auf sich als narrative Instanz im Bild, die Figur Lester, die anfängt, mit seinen Nachbarn zu joggen.