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Nachwort

Nachwort

Film erzählt anders aber nicht zwingend anderes als Literatur. Die beiden Lerneinheiten „Grundlagen“ und „Filmnarratologie“ machen deutlich, wie der Film als Zeichensystem, das kein Textsystem ist, in der Lage ist, theoretischen Kategorien gerecht zu werden, die anhand des schriftsprachlichen Zeichensystems Literatur ermittelt worden sind.

Dafür musste zunächst eine Übersicht über die mikrostrukturelle Basis des filmischen Zeichens gegeben werden, das aufgrund seines scheinbaren ‚Kurzschluss‘-Charakters dem Zuschauer suggeriert, er würde Signifikant und Signifikat gleichzeitig wahrnehmen. Die scheinbare Gleichzeitigkeit lässt sich dann bis hin zur makrostrukturellen Ebene des filmischen Codes verfolgen, auf der auch die Erzählregeln zu finden sind. Weiterhin zeigte eine Art Querschnitt, dass der Film aus verschiedenen Codierungen (kinematographisch, filmisch, narrativ und kulturell) besteht, die neben der Denotation und der Konnotation des filmischen Zeichens vor allem die kinematographischen Komponenten (auditiver und visueller Kanal) offen legen, mit denen bis zum Schluss die narratologische Analyse überhaupt erst zu bewerkstelligen war.

Zeit, Modus und Stimme der Erzählung wurden dann in einem zweiten Schritt für den Film analysiert. Es dienten zwei in ihrer Erzählstruktur sehr komplexe Beispielfilme dazu, die Bandbreite filmischen Erzählens sichtbar zu machen: „Jackie Brown“ von Quentin Tarantino wies eine ungewöhnlich anachrone Erzählung auf, Analepsen und repetitives Erzählen war einer der wesentlichen Charakteristika dieses nicht nur hinsichtlich seiner Zeit der Erzählung anspruchsvollen Films. „American Beauty“ von Sam Mendes fungierte dann – unter dem Motto seines Untertitels „Sehen Sie genau hin…“ – als Beispiel für die Kategorien Modus und Stimme. Alle weiteren Genetteschen Kategorien, wie Distanz und Perspektive, Zeit, Person und Funktion der Narration, konnten anhand dieser filmischen Erzählung exemplifiziert werden.

Voraussetzung war dabei immer, dass der Film mit dem visuellen und auditiven Kanal über wesentlich mehr Möglichkeiten verfügt, narrative Informationen zu übermitteln bzw. sich selbst als narrative Instanz zu präsentieren. So war es vor allem beim Modus nicht möglich, diegetisches und mimetisches Erzählen getrennt voneinander zu untersuchen. Der Film erzählt über die Kamera und die Figuren, gegebenenfalls über die VON und sämtliche andere kinematographische Komponenten immer gleichzeitig in Worten und Ereignissen. In der Auseinandersetzung mit der filmischen Stimme war es schließlich möglich, Variationen der filmischen narrativen Instanz aufzuzeigen. Die Kamera als ‚stummer‘ Teil der filmischen narrativen Instanz bedient sich dabei anderer Mittel, ihre narrativen Informationen zu übermitteln als die versprachlichte VON. Wo erstere über modale Eigenschaften selektiert und auf diese Weise erzählt, spricht die VON in mündlicher Form mit der Grammatik eines schriftsprachlichen Zeichensystems.

Ein Film erzählt und kann daher mit den Methoden und Kategorien der narratologischen Analyse auf der Grundlage von Gérard Genettes „ Die Erzählung“ untersucht werden. Er vermittelt seine narrative Instanz über viele kinematographische ‚Puzzleteile‘ und fordert uns als Zuschauer dazu auf, das Bild zusammenzusetzen. Wenn dies gelingt, ist nicht nur ein Schritt in Richtung ‚Film verstehen‘ getan, sondern auch in Richtung eines universalen Verständnis der Erzählung als kulturelles Phänomen, die sich ihre Zeichensysteme bzw. „Träger“ (Roland Barthes: Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen. In: Ders.: Das semiologische Abenteuer. Frankfurt am Main 1988, S. 102–143; hier S.102), wie z. B. den Film, aussucht.

In einem Abschlusstest werden noch einmal alle Aspekte der beiden Lerneinheiten „Grundlagen“ und „Filmnarratologie“ aufgegriffen. Dabei dienen die beiden Beispielfilme wieder als Basis.