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Voice-Over-Narration

Filmischer Modus in der Voice-Over-Narration

Die VON wurde in vielen früheren Untersuchungen zur Filmnarratologie als die Erzählerstimme definiert und auch von literaturwissenschaftlicher Seite gibt es immer wieder den Ansatz, den Erzähler im Film nur dann zu akzeptieren, wenn dieser über eine Voice-Over-Narration verfügt. Tatsächlich ist aber die VON nur aufgrund ihrer menschlichen Eigenschaften eine ‚besondere‘ narrative Filminstanz. Sie verfügt wie die Figuren über eine grammatikalische Sprache und kann – anders als die Figuren – Formen der Erzählung von Worten annehmen, die nicht nur berichtet, sondern auch narrativisiert oder transponiert sein können. Z. B. kann eine Voice-Over-Narration in der transponierten Rede wiedergeben, was eine andere Figur gesagt hat oder sie fasst in der Erzählung von Ereignissen ganze Handlungsabschnitte zusammen und verfügt dann zusätzlich über eigene Perspektiven.
In unserer Analyse wird nun diese VON auf ihre modalen Eigenschaften hin untersucht, d. h. es wird danach gefragt, wie es diese narrative Instanz schafft, die narrativen Informationen mittels der Kategorien Distanz und Perspektive zu regulieren. Dabei ist sie immer in enger Verbindung mit der Kamera, vor allem wenn sie diese kommentiert oder mit ihrer Stimme begleitet. Die Stimme, die in der Voice-Over-Narration zu hören ist, ist durchgängig die des Protagonisten Lester Burnham, der in der berichteten Rede monologisiert oder sich teilweise an die Zuschauer richtet. Ein Aspekt, der an die Analyse der Stimme angrenzt und auch dort noch von Bedeutung sein wird. Es werden aufgrund dieser engen Verbindung von Modus und Stimme anhand der VON im Folgenden nicht alle Filmszenen besprochen, in denen eine Voice-Over-Narration vorkommt. Die ausgesparten Beispiele werden dann in der nächsten Lerneinheit an entsprechender Stelle eingefügt.

1. Der Film beginnt nach dem Vorspann direkt mit einer VON in der berichteten Rede: „Mein Name ist Lester Burnham. Das ist mein Stadtviertel. […] Das ist mein Leben.“ So stellt der Held dieser filmischen Erzählung sich in mimetischer Rede vor und verweist damit gleichzeitig eng auf den visuellen Kanal. In diesem sehen wir als Zuschauer das Viertel und die Straße von Lester aus der Übersicht.

2. Das zweite Beispiel ist ebenfalls wieder nah an der Kategorie Stimme angesiedelt und wird in der entsprechenden Lerneinheit auch noch einmal aufgegriffen. Lester stellt seine Familie vor und spricht dabei in berichteter Rede zum Publikum: „Das ist meine Frau. Sehen Sie, wie der Griff der Baumschere farblich zu ihren Gartencloggs passt? Das ist kein Zufall.“ Gleichzeitig sehen wir als Zuschauer Carolyn Burnham aus der unfokalisierten Übersicht in der Halbtotalen, wie sie einige rote Rosen abschneidet. VON und Kameraverhalten bzw. der gesamte visuelle Kanal hängen wieder unmittelbar zusammen.

3. In dem folgenden Beispiel leitet die VON direkt zum visuellen Bild hin: Nachdem Lester sich mit Carolyn in ihrem Schlafzimmer über den Zustand ihrer Ehe gestritten haben, erfolgt ein Schnitt und aus der Vogelperspektive wird wieder Lesters Straße gezeigt. Lester berichtet, dass es „was ganz Tolles“ ist, wenn man an sich selbst die Fähigkeit erkennt, sich zu überraschen. Und leitet mit den Worten „da fragt man sich doch, ob man sonst noch was drauf hat, was man vergessen hat“ direkt zum visuellen Kanal über, in dem er selbst nun mit seinen beiden Nachbarn joggt.