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Interne Fokalisierung

Interne Fokalisierung durch das Zusammenwirken der kinematographischen Komponenten

In der „Einführung zur Filmnarratologie“ wurde bereits auf bestimmte Techniken verwiesen, die daraufhin deuten, dass die Figur träumt, zurückschaut oder eine andere Form von Bewusstseinszustand durchlebt, die von dem abweicht, was bisher im Film gezeigt wurde und vom Zuschauer als ‚Realität‘ wahrgenommen wird. Diese interne Mitsicht einer Figur, bei der alle Komponenten des kinematographischen Codes zusammenwirken, können nun am Beispiel von „American Beauty“ und im Kontext des filmischen Modus noch einmal rekonstruiert werden. Diese Szenen sind aus der festen internen Mitsicht von Lester erzählt und betreffen bis auf eine Ausnahme die erotischen Phantasien Lesters in Bezug auf Angela.

1. Ein erstes Beispiel wurde bereits in der Analyse des filmischen Modus im Kameraverhalten angerissen (Nummer 5). Hier stellt sich Lester vor, er wäre allein mit der tanzenden Angela in der Turnhalle. Durch die bereits erwähnten Kameraperspektiven und die Montage, die mittels eines Schuss-Gegenschusses entsteht, wird die Aussage erreicht, dass es sich hier um Lesters Innensicht handelt, die einer internen Mitsicht gleicht. Um die Aussage ‚zuzuspitzen‘, wechselt auch die Musik von der Begleitung der Cheerleader hin zu einer, die anscheinend nur für Lester hörbar ist und es wird mittels schneller Schnitte mehrmals wiederholt, wie Angelas Hände langsam ihre Trainingsjacke öffnen, um Lester zu verführen. Zusätzlich wird eine Slow-Motion eingesetzt.
Durch diese ‚Maßnahmen‘ wurde der Zuschauer vorbereitet, so dass er nun nicht auf den Gedanken kommt, diese Szene würde sich in der Realität abspielen. Es ist Lesters Perspektive, die in der internen Mitsicht erzählt wird und zwar nicht allein mit der Kamera, sondern mit allen Mitteln des kinematographischen Codes. Selbstverständlich ist das Wissen der Zuschauer um diese oben beschriebenen Mittel, die einen derartigen Perspektivwechsel einleiten, Voraussetzung für das Verständnis einer solchen Szene.

Um diese ‚Traum‘-Szenen jedoch noch besser von den realen abzugrenzen, wird eine Metapher als rhetorisches Mittel verwendet, was sich in jeder dieser Szenen wieder finden lässt und das in der einführenden Lerneinheit zur Filmnarratologie für die Konnotation des filmischen Zeichens eingeführt wurde. Als Metapher dienen die roten Rosenblätter, welche in „American Beauty“ für Lesters abhanden gekommene Leidenschaft und Lust am Leben stehen. Die Rosen wurden bereits in der Eröffnungsszene eingeführt, als Carolyn einige rote Rosen im Garten schneidet und Lester aus der Voice-Over-Narration dieses ironisch kommentiert. Interessant ist an dieser Stelle noch, dass der Filmwissenschaftler Monaco gerade die Rose als prominentes Beispiel dafür aufzeigt, dass Metaphern im Film, die auf „literarischen Modellen basieren, meistens zu platt, statisch und aufdringlich“ James Monaco: Film verstehen. 5. Auflage. Reinbek bei Hamburg 2004, S. 166. wirken. Mit den Rosen aus „American Beauty“ kann diese Behauptung widerlegt werden. Erst nachdem Lesters Traum von der verführerischen Angela ausgeträumt ist und er mit ihr in der Küche sitzt, werden die Rosen wieder zu dem, was sie in ihrer ‚platten‘, denotativen Bedeutung sind: eine dekorativer Teil der Kücheneinrichtung auf dem Tisch vor Lester, der wenig später erschossen wird.