Springe direkt zu Inhalt

Filmischer Modus im Figurenverhalten

Filmischer Modus im Figurenverhalten

Dass Figuren im Film hauptsächlich in der berichteten Rede die Erzählung von Worten übernehmen, ist offensichtlich. Dabei ist allerdings zu beachten, dass diese berichtete Rede immer ohne Inquit-Formel erfolgt, es sein denn eine VON leitet diesen Sprecheinsatz z. B. mit ‚er sagt‘ ein. So ist die Unterscheidung Genettes, nach der vorhandenen Inquit-Formel berichtet oder in der unmittelbaren Rede bzw. im inneren Monolog zu erzählen, hinfällig (vgl. S. 124). Gleichwohl ist es ein Unterschied, ob eine Figur in einem Dialog berichtete Rede verwendet oder in einem Monolog zu sich selbst spricht. Der letzte Fall kommt der unmittelbaren Rede schon sehr nahe, auch wenn diese über die ‚äußere‘ Form der berichteten Rede zum Zuschauer gelangt. Schließlich können Figuren in transponierter Rede wiedergeben, was andere gesagt haben. Auf diese Weise ist es möglich, transponierte Rede zu vermitteln. Die Möglichkeiten einer Figur, diegetisch Ereignisse zu erzählen, darf aber nicht unterschätzt werden. Durch ihr Handeln, welches teilweise parallel zum Sprechen aber auch ohne den Einsatz von Sprache erfolgen kann, vermögen sie ebenfalls diegetische Anteile der filmischen Erzählung zu übernehmen.
Zwei eindrückliche Beispiele aus „American Beauty“ für das rein diegetische Erzählen durch Figuren als kinematographische Komponenten der narrativen Instanz lassen sich erstens an der Szene festmachen, in der Jane von Rick gefilmt wird, nachdem sie von ihrem Cheerleader-Auftritt nach Hause kommt. Sie bemerkt, dass Rick sie filmt, beschimpft ihn und geht ins Haus. Dann aber schleicht sie wieder ans Fenster, um zu sehen, wo sich Rick aufhält. Sie setzt sich hin und lächelt. Durch diese Reaktion, die ohne den Einsatz von Worten stattfindet, ist trotzdem deutlich geworden, dass Jane keineswegs so wütend ist, wie sie es eben noch Rick gegenüber dargestellt hat. Vielmehr fängt sie an, sich für ihren neuen, etwas eigenartigen Nachbarjungen zu interessieren.
Das zweite Beispiel ist vielleicht noch eindrücklicher: Nachdem Lester erschossen wurde, der Zuschauer aber noch nicht weiß von wem, da sowohl seine Frau Carolyn wutentbrannt und mit einer Pistole ausgestattet nach Hause fährt als auch der abgewiesene Colonel Fitts als potentieller Mörder in Frage kommen, berichtet Lesters Voice-Over-Narration von den Sekunden nach seinem Tod. In dieser Szene sehen wir auch den blutbefleckten Frank Fitts nach Hause kommen. So wird klar, dass dieser der Mörder von Lester sein muss. Die fehlende Pistole in seiner Sammlung unterstützt außerdem diese Aussage, die mittels der Figur als narrative Instanz des Films (als Erzähler von Ereignissen) getroffen wurde.