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Kameraverhalten V

 

10. In der Szene, in der sich Jane und Rick die ‚tanzende Tüte‘ anschauen, erfolgt wieder ein Beispiel für eine Übersicht, die schon nahe an einer Mitsicht liegt: Die Kamera verweilt, während die beiden auf dem Sofa sitzen und in den Fernseher schauen, so nahe hinter den beiden, dass nur ihre Hinterköpfe zu sehen sind. Dann wechselt sie in der Kameraeinstellung Detail von dem abgebildeten Objekt ist jeweils nur noch ein bestimmtes Detail zu sehen; oft bei Aufnahmen des Gesichts verwendete Einstellung und Groß zwischen der Tüte in dem Video und den Gesichtern von Rick und Jane. Vor allem an der erstgenannten Übersicht, die schon fast zu einem POV wird, können die fließenden Übergänge von Perspektive und Distanz deutlich gemacht werden, mit denen die Kamera als Teil der narrativen Instanz im Film erzählt.

11. Nachdem Ricks Vater, Colonel Fitts, darauf aufmerksam geworden ist, dass sich sein Sohn Rick und sein Nachbar Lester Burnham Zeichen geben, geht er in Ricks Zimmer und findet das Video, das dieser heimlich von dem trainierenden und obendrein nackten Lester von seinem Zimmer aus gedreht hat. Die nun folgende Erzählperspektive ist vom Kamerastandpunkt, der Figur des Colonels und dessen Haltung abhängig. Dieser vermutet nämlich wenig später erstens aufgrund seiner tatsächlich rein visuellen Perspektive aus dem Fenster Ricks, dass sich sein Sohn bei seinem Nachbarn prostituiert. Zweitens sind seine homophobe Einstellung, die Unsicherheit gegenüber seinem Sohn und das Video von Lester der Grund dafür, dass sich der Verdacht für ihn ‚bestätigen‘ kann. Es sind also hier zwei Arten der Perspektive zu unterscheiden, die in der Genetteschen Frage „Welche Figur liefert den Blickwinkel, der für die narrative Perspektive maßgebend ist?“ (S. 132) enthalten sind: erstens der tatsächliche ‚Blickwinkel‘ von Colonel Fitts und zweitens dessen ‚narrative Perspektive‘. Beide meinen sowohl das, was die Figur sieht als auch, wie sie es sieht.
Diese Unterscheidung zwischen visueller Perspektive der Figur und Haltung einer Figur, die mit ihrem Charakter einen bestimmten Blickwinkel einnimmt, der über den kulturellen Code des Zuschauers erfasst wird, wird in der Lerneinheit zur „Stimme“ noch einmal aufgegriffen.
Dass Colonel Fitts anscheinend den ‚falschen‘ Blickwinkel im doppelten Sinne hat, wird durch den anschließenden Wechsel der unfokalisierten Kameraperspektive in Lesters Zimmer bestätigt. Rick gibt ihm dort das Marihuana, das Lester sich bei ihm bestellt hat, allerdings so, dass sein Vater es von seinem zwischenzeitlich internen Standpunkt aus – er sieht nur, wie sein Sohn vor dem halb entkleideten Lester verschwindet – für eine sexuelle Handlung zwischen Lester und Rick hält. Es prallen hier zwei Probleme filmischer Perspektivierung aufeinander: erstens die oben schon erläuterten ‚Interventionen‘ der Kategorie Stimme in die des Modus einer Erzählung. Denn die Haltung einer bestimmten Figur gehört eigentlich zur Person des Erzählers, der diese Figur kreiert. Das zweite Problem schließt sich daran an: Wer entscheidet, welches die ‚richtige‘ Haltung bzw. Perspektive ist, wenn zwei Perspektiven miteinander konkurrieren? Diese Fragen können nur über den kulturellen Code des Zuschauers beantwortet werden, der über die Bewertung des filmischen Inhalts entscheidet. Eine Entscheidungshilfe in diesem Fall gibt auch der eben erläuterte Wechsel von Ricks Zimmer, in dem der Colonel steht, hin zu Lester und Rick, die gerade einen Joint rauchen wollen.
Es gibt aber Erzählformen, sowohl im Film als auch in der Literatur, in der es nicht so eindeutig nachvollziehbar ist, welche Perspektive die richtige im Sinne einer Wertentscheidung ist. Dieser Bereich ist ein weiterer Punkt, an dem die Narratologie bisher noch zu keiner Einigung gekommen ist.