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Kameraverhalten II

 

2. Am Anfang des Films gleitet die Kamera aus der Vogelperspektive über die Straße, in der sich die folgende Geschichte abspielen wird. Diese Perspektive wird von Lesters VON begleitet, der erzählt, dass er bald sterben wird und der das Geschehen von oben betrachtet und retrospektiv erzählt. Es könnte der Eindruck entstehen, die Kameraperspektive wäre intern, da sie die Sicht von Lester vertritt. Tatsächlich ist sie aber nullfokalisiert und aus der Übersicht erzählt, denn es gibt im visuellen Kanal keinen ausgewiesenen Hinweis darauf, dass die interne Sicht Lesters eingenommen wird. Man ist als Zuschauer allerdings versucht, die Stimme der VON, die sich als Lester ausgibt, und die Kameraperspektive miteinander zu vermischen. Diese intradiegetische Erzählerstimme, die in diesem Fall durch die VON vermittelt wird, fällt aber in den Bereich der „Stimme“ und wird in der nächsten Lerneinheit eingehend erläutert.

3. Beim ersten Abendessen bei den Burnhams, Jane beschwert sich über die „Fahrstuhlmusik“, steht die Kamera zunächst in der unfokalisierten Übersicht im Wohnzimmer der Burnhams. Sie vermittelt so den Eindruck, ein ‚Familienbild‘ abzugeben, was in der Kameraeinstellungsgröße in Form der Totalen gezeigt wird. Dann beginnt sie aber, langsam an den Tisch heranzufahren, sie nähert sich dem Geschehen gleitend und verringert so die Distanz zu ihrem Objekt. Für diesen gleitenden Distanz- bzw. Perspektivenwechsel gibt es bei Genette keine Entsprechung, außer seiner Bemerkung, dass sich Moduswechsel oft innerhalb eines Satzes vollziehen können (vgl. S. 136). Nach dieser Kamerafahrt die Kamera bewegt sich durch den Raum und verändert so den Abstand zu ihrem Objekt kommt es zu einem Streitgespräch zwischen Lester und Carolyn. Der Dialog erfolgt selbstverständlich in berichteter Rede, wobei durch eine schnelle Schuss-Gegenschuss-Montage Dialog, der durch sich abwechselnde, aneinander geschnittene Aufnahmen der beiden Dialogpartner dargestellt ist die Inquit-Formel ‚er sagte‘ bzw. ‚sie sagte‘ ersetzt wird. Dieses Verfahren wiederholt sich wenig später im Nachbarhaus von Rick Fitts: Auch hier wird eine Szene mit einer Totalen auf die Familie angefangen, die diesmal allerdings auf der Couch sitzt und fernsehen guckt. Dieses Bild bleibt in der Totalen, erzielt aber den gleichen Effekt des ‚Familienportraits‘.