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Kameraverhalten

Filmischer Modus im Kameraverhalten

Die Fokalisierung und Perspektive der Kamera in „American Beauty“ wie auch in allen anderen Spielfilmen müsste nach Genettes Definition immer entweder extern und in der Außensicht oder nullfokalisiert in der Übersicht erzählt sein (vgl. S. 134f), d. h. streng genommen vermittelt die Kamera entweder gar Informationen, die darauf schließen lassen, dass ‚der Erzähler‘ (bzw. die Kamera) genauso viel weiß wie die Figur oder er weiß mehr als die Figur, wenn er Bereiche zeigt, die die Figur nicht sehen kann. Letzteres wäre z. B. in den weiten ein oft erhöhter Kamerastandpunkt, der dem Zuschauer einen Überblick über die Landschaft oder großräumige Fläche verschafft oder den totalen in der totalen Kameraeinstellung werden alle Elemente einer Szene gezeigt, die für die Filmhandlung notwendig sind Kameraeinstellungen der Fall. Vgl. Knut Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. Stuttgart/Weimar 1993 (= SM 277), S. 58–60. Durch das variable Kameraverhalten kann jedoch der Eindruck dieser statischen Erzählhaltungen aufgehoben werden: Die Kamera ist in der Lage, ihre Position, Distanz zum Objekt und Bewegung zu variieren und vermittelt so – in Kombination mit dem kulturellen Code des Zuschauers – viele verschiedene Möglichkeiten, die Gedanken und Gefühle einer oder mehrerer Figuren zu vermitteln. Der kulturelle Code des Zuschauers bzw. das angelernte Wissen des Kinogängers sagt diesem z. B., dass eine Person in einer schwierigen Situation, an die die Kamera besonders nahe heranfährt, eventuell lügt. Oder eine unruhige Kamera, die hin- und herschwankt, vermittelt den Eindruck, dass eine Figur oder die gesamte Geschichte ‚unsicher‘ im Sinne ihrer moralischen Aussage ist. Der Ausdruck „Nullfokalisierung“ scheint daher für die filmische Erzählung besonders unpassend, da die Kamera durch ihre technische Beschaffenheit eigentlich gar nicht anders kann als fokalisieren. Wieder einmal wird ein erzähltheoretischer Begriff durch das Medium Film ad absurdum geführt.
Schließlich verfügt die Kamera über den POV, der explizit die Sicht einer Figur vermittelt und so eine interne Mitsicht herstellen kann.
In dem vorliegenden Beispielfilm erfolgt die Fokalisierung hauptsächlich entweder aus der Übersicht oder aus der internen Mitsicht mit den Protagonisten. Die Fokalisierung der Kamera als narrative Instanz ist dabei, soweit sie unter der Perspektive der internen Mitsicht erfolgt, variabel. Es werden nun – chronologisch zur filmischen Erzählung von „American Beauty“ – Beispiele herangezogen, die diese Variationen des Kameraverhaltens vorführen. Dabei werden gleichzeitig die Distanz, Perspektive bzw. Fokalisierung analysiert, um der Gleichzeitigkeit im filmischen Modus gerecht zu werden:

1. Der Vorspann beginnt gleich mit einer besonderen Form des POV: Hier wird durch eine Digitalkamera die Sicht einer Figur gezeigt, die der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt noch nicht sieht, sondern deren Stimme er nur hört (Rick Fitts). Die Stimme eines Jungen im Off, der das sich im Fokus der Kamera und der Erzählperspektive befindende Mädchen (Jane Burnham) fragt, ob er ihren Vater für sie töten soll. Jane antwortet daraufhin: „Ja. Würdest Du?“ Besonders ist dieser POV deshalb, weil er nicht durch die für den Zuschauer unsichtbare Kamera des kinematographischen Sets außerhalb der Diegese erfolgt, sondern durch eine Komponente, die streng genommen auf visueller Ebene zur Ausstattung des Films gehört: die Digitalkamera, mit der Rick alles in seiner Umwelt filmt und dokumentiert. Ein in die Handlung eingebetteter Gegenstand also, der nun innerhalb der Diegese eine Figurenperspektive übermittelt und so zwei Komponenten der narrativen Instanz darstellt. Erstens gehört sie zur Ausstattung innerhalb der Diegese und zweitens zum Bereich der Kamera. Im Folgenden soll diese Form des POV – der aus Ricks Digitalkamera erfolgt – mit digitalem POV bezeichnet werden. Im Verlauf des Films werden noch weitere Abschnitte aus diesem digitalen POV erfolgen.