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Kommentierung

Kommentierter Text Thomas Bernhard:„Entdeckung“

|A Unterhalb des Ortlers hat ein Turiner Industrieller für seinen zweiundzwanzigjährigen Sohn von einem in der ganzen Welt berühmten Architekten ein Hotel bauen lassen, Das Segment (A) bezeichnet den Beginn einer ‚großen‘ externen Analepse (A) bis (L), die hinsichtlich der Basiserzählung (M) auszumachen ist. Da sich diese Analepse nicht mit der Basiserzählung überschneidet, ist sie als extern zu bezeichnen. Reichweite und Umfang sind deckungsgleich, sie betragen mindestens viereinhalb Jahre. | (B) welches bei seiner Fertigstellung als das modernste und teuerste Hotel nicht nur in ganz Italien bezeichnet worden ist und zwölf Stockwerke hoch Auch Segment (B) liegt innerhalb der ‚großen‘ externen Analepse (A) bis (L). In Bezug auf das vorgehende Segment (A) stellt es eine Handlungsabfolge dar: Das Hotel wird gebaut, danach honoriert. | (C) und tatsächlich schon nach einer Bauzeit von eineinhalb Jahren fertig gewesen ist. Segment (C) gibt nachträglich Auskunft über die Fertigstellung des Hotels, genauer: über dessen Bauzeit. Es liegt zum einen innerhalb der externen Analepse (A) bis (L), zum anderen füllt es in Bezug auf (A) und (B) eine dazwischen liegende zeitliche Lücke der Chronologie und ist auf dieser Basis als kompletive Analepse zu bezeichnen. | (D) Bevor noch mit den Bauarbeiten begonnen worden war, hatte in die bis dahin völlig unzugängliche Landschaft, eine der unberührtesten in den Alpen überhaupt, Innerhalb der großen Analepse (A) bis (L) liegt das Segment (D). Es bildet in Bezug auf die vorangegangenen Segmente einen zeitlichen Bruch. Hinsichtlich der Segmente (A) bis (C) handelt es sich bei (D) wiederum um den Anfangspunkt einer kompletiven Analepse. Die Rückblende bezieht sich eindeutig auf die Zeit „bevor […] den Bauarbeiten“ am Hotel. Diese ‚kleinere‘ Analepse beginnt mit Segment (D) und endet mit Segment (F). | (E) die dem Industriellen aus Turin bei einer mit englischen Freunden unternommenen Bergwanderung zum ersten Mal aufgefallen und gleich für einen solchen Hotelbau geeignet erschienen war, Auch Segment (E) befindet sich in Bezug auf den Nullpunkt (M) innerhalb der ‚großen‘ Analepse (A) bis (L). Mehr noch: Es stellt innerhalb der chronologischen Reihenfolge der Geschichte den frühesten Punkt dar und befindet sich laut Grundformel auf der Zeitposition 1. So unterbricht es das umgebende Segment (D) analeptisch kompletiv. Die Straße wurde angelegt (D), nachdem der Industrielle den Ort für das Hotel entdeckte (E). In der ausgemachten ‚kleinen‘ Analepse (D) bis (F) findet sich in (E) somit wiederum eine Analepse – in diesem Fall von sehr geringem Umfang. | (D) eine Straße angelegt werden müssen, die eine Länge von neunzehn Kilometern aufweist. Innerhalb der großen Analepse (A) bis (L) liegt das Segment (D). Es bildet in Bezug auf die vorangegangenen Segmente einen zeitlichen Bruch. Hinsichtlich der Segmente (A) bis (C) handelt es sich bei (D) wiederum um den Anfangspunkt einer kompletiven Analepse. Die Rückblende bezieht sich eindeutig auf die Zeit „bevor […] den Bauarbeiten“ am Hotel. Diese ‚kleinere‘ Analepse beginnt mit Segment (D) und endet mit Segment (F). | (F) An die tausend Arbeiter hätten auf dieser Baustelle Arbeit gefunden. Segment (F) befindet sich in direkter zeitlicher Reihenfolge zu Segment (D): Nach dem Plan für die Straße folgt die Anstellung der Arbeiter auf der Baustelle. Segment (F) schließt gleichzeitig die Analepse (D) bis (F) ab. | (G) An dem Tag vor der Eröffnung des Hotels war der Sohn des ehrgeizigen Turiners plötzlich auf der Rennbahn von Monza tödlich verunglückt. Die Eröffnungsfestlichkeiten hatten daraufhin gar nicht mehr stattgefunden. Das Segment (G) liegt ebenfalls in Bezug auf den Nullpunkt (M) innerhalb der ‚großen‘ Analepse (A) bis (L). Mit dem Abschluss der eingeschobenen Analepse (C) bis (F) schließt (G) an die Handlungsfolge (A) bis (C) an. Der Tod des Sohnes geschieht einen Tag vor den Eröffnungsfeierlichkeiten des Hotels, was in der zeitlichen Reihenfolge natürlich nach dem Hotelbau (A), der Fertigstellung (C) und der Bewertung (B) einzuordnen ist. Trotzdem kann eine zeitliche Lücke zwischen (C) und (G) nicht ausgeschlossen werden. | (H) Der unglückliche Vater hatte noch am Tag des Begräbnisses seines Sohnes beschlossen, das gerade fertiggestellte Hotel nicht ein einzigesmal mehr zu betreten und von diesem Tage an vollkommen verfallen zu lassen. Segment (H) schließt an das vor ihm liegende Segment (G) zeitlich linear an und befindet sich in Bezug auf den Nullpunkt (M) innerhalb der ‚großen‘ externen Analepse (A) bis (L). | (I) Er hatte alle schon für den Hotelbetrieb notwendigen, bereits engagierten Leute ausgezahlt | (J) und entlassen | (K) und die Zufahrtsstraße abgeriegelt | (L) und das Betreten des ganzen Tales, an dessen Abschluß das Hotel steht, verboten. Segment (I) sowie die anschließenden (J) bis (L) stellen aufeinander folgende Handlungen dar, die nicht durch Vor- oder Rückgriffe unterbrochen sind. Sie liegen innerhalb der ‚großen‘ externen Analepse, die mit dem Segment (A) beginnt und mit (L) schließt. Zwischen diesem letzten Segment (L) und dem darauffolgenden (M) ist eine zeitliche Lücke (Ellipse) zu verzeichnen. | (M) Wir waren auf einer Wanderung auf das Ortlermassiv, von Gomagoi aus plötzlich auf das Hotel gestoßen, das zu diesem Zeitpunkt, drei Jahre nach seiner Vollendung, schon einen entsetzlichen Eindruck gemacht hatte. Segment (M) bezeichnet die Basiserzählung. Die Erwähnung des „wir“ ist der entscheidende Hinweis auf das Einsetzen des Narrationsaktes. An diesem Punkt treffen Erzählung, Narration und Geschichte erstmals aufeinander. Segment (M) weist durch die Information „drei Jahre nach seiner Vollendung“ zudem auf die Reichweite der Ellipse zum vorstehenden Segment (L) hin. | (N) Die jahrelangen Unwetter hatten längst die Fenster zerstört | (O) und große Teile der Dächer abgetragen gehabt | (P) und aus der noch immer komplett eingerichteten Küche waren bereits hohe Bäume gewachsen, wahrscheinlich Kiefern. Die Segmentfolge (N) bis (P) bezeichnet Handlungsfolgen ohne zeitliche Brüche. In Bezug auf Segment (M) stellt diese Folge eine externe Analepse dar, da sie sich zeitlich außerhalb der Basiserzählung befindet und sich nicht mit dieser überschneidet.

Thomas Bernhard: Der Stimmenimitator. Frankfurt am Main 1987, S. 72–73.