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Blankotext Thomas Bernhard "Entdeckung"

Thomas Bernhard: „Entdeckung“

 

Unterhalb des Ortlers hat ein Turiner Industrieller für seinen zweiundzwanzigjährigen Sohn von einem in der ganzen Welt berühmten Architekten ein Hotel bauen lassen, welches bei seiner Fertigstellung als das modernste und teuerste Hotel nicht nur in ganz Italien bezeichnet worden ist und zwölf Stockwerke hoch und tatsächlich schon nach einer Bauzeit von eineinhalb Jahren fertig gewesen ist. Bevor noch mit den Bauarbeiten begonnen worden war, hatte in die bis dahin völlig unzugängliche Landschaft, eine der unberührtesten in den Alpen überhaupt, die dem Industriellen aus Turin bei einer mit englischen Freunden unternommenen Bergwanderung zum ersten Mal aufgefallen und gleich für einen solchen Hotelbau geeignet erschienen war, eine Straße angelegt werden müssen, die eine Länge von neunzehn Kilometern aufweist. An die tausend Arbeiter hätten auf dieser Baustelle Arbeit gefunden. An dem Tag vor der Eröffnung des Hotels war der Sohn des ehrgeizigen Turiners plötzlich auf der Rennbahn von Monza tödlich verunglückt. Die Eröffnungsfestlichkeiten hatten daraufhin gar nicht mehr stattgefunden. Der unglückliche Vater hatte noch am Tag des Begräbnisses seines Sohnes beschlossen, das gerade fertiggestellte Hotel nicht ein einzigesmal mehr zu betreten und von diesem Tage an vollkommen verfallen zu lassen. Er hatte alle schon für den Hotelbetrieb notwendigen, bereits engagierten Leute ausgezahlt und entlassen und die Zufahrtsstraße abgeriegelt und das Betreten des ganzen Tales, an dessen Abschluß das Hotel steht, verboten. Wir waren auf einer Wanderung auf das Ortlermassiv, von Gomagoi aus plötzlich auf das Hotel gestoßen, das zu diesem Zeitpunkt, drei Jahre nach seiner Vollendung, schon einen entsetzlichen Eindruck gemacht hatte. Die jahrelangen Unwetter hatten längst die Fenster zerstört und große Teile der Dächer abgetragen gehabt und aus der noch immer komplett eingerichteten Küche waren bereits hohe Bäume gewachsen, wahrscheinlich Kiefern.

Thomas Bernhard: Der Stimmenimitator. Frankfurt am Main 1987, S. 72–73.