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Anachronie und Achronie II

 

Achronische Erzählungen verfügen über „temporale Autonomie“ (S. 58), wobei allerdings häufig andere Formen der Strukturierung an die Stelle der temporalen treten. Der so genannte stream of consciousness (Bewusstseinsstrom), ein innerer Monolog, der Figuren in extremen, oft orientierungslosen Zuständen darstellt, weist beispielsweise eher eine thematische oder räumliche Ordnungsstruktur auf. Eine Abfolge von Orten, an denen sich etwa Schnitzlers Leutnant Gustl aufhält, tritt dabei sylleptisch an die Stelle zeitlicher Ordnung.

Ein Meister achronischer Erzählweise ist unter anderem Peter Weiss. Im folgenden Textausschnitt aus seinem Roman „Die Situation“ verändert der wirre Gedankengang einer Figur die zeitliche Ordnung: Fanny, die jemanden als „Negerpoet“ bezeichnet, verursacht mit ihrer Schilderung in Thels Phantasie ein fast undurchschaubares Ineinandergreifen verschiedener Eindrücke und Bilder. Ob Thels Imaginationen als zeitgleich aufzufassen bzw. überhaupt Ereignisse im Sinne der Narratologie sind, ist nicht sicher festzustellen.

„Ihr Gesicht spiegelt ein starkes Erlebnis, sie fegt eine Welle von Leben mit sich, sie sieht aus, als hätte sie gerade agitierend in einer Menschenmenge gestanden, und jetzt spricht sie hingegeben von einem poetischen Erlebnis, das Poetische und das greifbar Wirkliche verschmelzen bei ihr, ihr Gesicht, das so aufgewühlt war, so gehetzt, als sie in den Raum geflogen kam, hat jetzt strenge und reine Züge. Der Negerpoet, den sie beschreibt, taucht in Thels Phantasie auf, sie hört seine Stimme, sie hört Gedichtzeilen, die wie dicke Milch sind, andere Zeilen sind wie ätzende Nadelstiche, ihn umgibt eine Universalität, kein Gedicht des Gedichtes wegen, sondern Weckrufe, Wächtersignale, Mahnungen, und gleichzeitig der enge Raum, in dem er wohnt, Aussicht auf die Brandmauer des Hofschachtes, das gesprungene Waschbecken, seine abgenutzten Turnschuhe, seine geflickten Hosen. Nicht nur die Stadt Paris um ihn herum, auch andere Städte, Kontinente, eine ungeheure, unförmige, ungestaltete Lebensmasse. Sie konnte den Erdball unter sich spüren, sie erfaßte ihr Dasein auf dieser enormen, durch den Weltraum rasenden Kugel; überall Gehirne, Herzen in Betriebsamkeit, überall der Kampf des Bewußtseins unter dem unhörbaren Orkan des Rotationslautes. Und Fanny schon in eine neue Sphäre eindringend, ihr Gesicht nun roh, blutig, dunkel, da sie die schmalen Zellen und Ledersofas des Massageinstitutes aufscheinen läßt, weißgekleidete Pflegerinnen, Schnürstiefel und Gürtel auf den nackten Körpern darunter, akrobatische Dompteusen, in Trapezen und Seilen hängend, mit Hundepeitschen knallend, die fetten Bäuche der Männer zitternd unter den kleinen elektrischen Massageapparaten; Details, die man gern mit verachtender Herablassung abtut und die man doch im Geheimen gierig aufsaugt.“

Peter Weiss: Die Situation. Frankfurt am Main 2000, S. 24f.





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