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Anachronie und Achronie

Anachronie und Achronie

Mit der eben behandelten Vielfalt an chronologischen Ordnungsmustern lässt sich eine Vielzahl wirkungsvoller Effekte erzielen. Zum Teil wurde bei den Beispielen bereits darauf verwiesen. Wenn beim Erzählen einer Geschichte von einer gewöhnlichen Zeitstruktur abgewichen wird, ist davon auszugehen, dass das für den Leser oder Hörer nicht ohne Wirkung bleibt. In einer Interpretation, die sich an eine narrative Analyse für gewöhnlich direkt anschließt, ist deshalb zu beachten, was Anachronien für den Inhalt einer Erzählung bedeuten. All das setzt aber voraus, dass Zeitverhältnisse stets absolut klar sind. Das ist jedoch, wie Genette mit Recht bemerkt, nicht immer der Fall.
Er verweist deshalb auf Extremformen der Anachronie. Bei einer doppelten Anachronie werden beispielsweise analeptische und proleptische Erzählmuster in einem einzigen Satz verbunden: „Peter hatte zu diesem Zeitpunkt, wie wir noch sehen werden, den Kuchen bereits gegessen.“ (analeptische Prolepse)
oder
„Peter wird, wie wir bereits geschildert haben, am nächsten Morgen gewaltigen Ärger bekommen.“ (proleptische Analepse)

Diese Fälle sind bemerkenswert, aber noch weitgehend unproblematisch, denn die gegenläufigen Zeitphänomene sind auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Im ersten Fall spielt sich die Analepse auf der Ebene des Inhalts ab und die Prolepse bezieht sich auf den Akt des Erzählens, im zweiten Fall ist es genau umgekehrt. Auf diese Weise wird man als Leser nur gering verwirrt, da die Geschichte selbst klar bleibt.

Deutlich komplizierter ist das folgende Beispiel:

„Es ist der 10. August 1981. Der Tag des Auslaufens. Die Cradle liegt seit gestern abend am Pier […]. Als Mazzini nach Mitternacht durch den Morast zum Gästehaus zurückgestapft war, hatte ihn selbst die milde, rubinrote Sonne geblendet und jenen Kopfschmerz in ihm wachgestrahlt, mit dem er noch am nächsten Morgen, geweckt von Fyrands Kommandoschreien und dem Gekläff der Hunde, erwachen sollte. Es ist später Vormittag, als Mazzini sein Zimmer verläßt.“

Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis. 14. Auflage. Frankfurt am Main 2004, S. 124ff.


Die Erzählung ist in der Gegenwart angesiedelt, die Rückkehr Mazzinis am Abend zuvor ist also analeptisch. Die Kopfschmerzen, die ihn bei seiner Rückkehr heimsuchen, hat er beim Aufwachen, ebenso analeptisch, immer noch. Ausgehend vom Beginn des Kopfschmerzes nach Mitternacht allerdings ist der Hinweis, dass Mazzini sie noch beim Erwachen haben wird, proleptisch. Beseitigt ist diese zeitliche Unordnung dann erst wieder mit dem letzten Satz.

Der eben erörterte Fall ist zwar kompliziert, aber durch die Zeitangaben klar zu entwirren. Es kann aber auch vorkommen, dass eine Erzählung auf alle Zeitbezüge verzichtet, so dass der Leser völlig orientierungslos hinsichtlich Zeitstruktur und Ordnung bleibt. „Hier helfen dem Analytiker keine inhaltlichen Folgerungen, um den Zeitpunkt einer Anachronie zu bestimmen, die eben aller Zeitbezüge entbehrt, und die wir folglich als ein Ereignis ohne Alter und Jahr hinnehmen müssen: als eine Achronie.“ (S. 57)