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Repetitive interne Prolepsen

Repetitive interne Prolepsen

Repetitive interne Prolepsen verdoppeln ein künftiges narratives Segment, „sie nehmen im voraus auf ein Ereignis Bezug, das zu seiner Zeit in aller Breite erzählt werden wird.“ (S. 50) Man bezeichnet diese Art von Prolepsen auch als Vorgriffe.
Häufig realisieren sich diese Prolepsen als ahnungsvolle summarische Schilderungen zu Beginn einer Sequenz oder einer Handlungsabfolge. In Patrick Roths Prosatext „Die Nacht der Zeitlosen“ wird die Zeit vor einem Erdbeben in Los Angeles geschildert und dabei dreifach die Katastrophe antizipiert.

„Als die Sonne unterging – es war Sonntag, der 16. Januar 94, elf Stunden vor dem verheerenden Erdbeben in Los Angeles –, wurde Talmadge, der sich morgens gleich nach dem Frühstück mit Fieber ins Bett gelegt hatte und eingeschlafen war, noch einmal wach.“

„,Amnesie‘. Das hieß Weltuntergang. Aufgang einer neuen vielleicht, dachte Talmadge.
Aber Talmadge vergaß, wie Colman vergißt. Ein Traum rückte vor, am Ungeküßten vorbei. Ein letzter Traum, bevor das Beben alles entzweiriß.“

Minuten vor dem Erdbeben in Los Angeles wurde Lucy Alvarez […] von zwei Glöckchen geweckt, die unter der Porzellandecke einer St. Antonshöhle verhakt waren und – als habe jemandes Zeigefinger an sie gestoßen – zu klingeln begannen.“

„Mit einem Schlag wird Lucy aus dem Bett geschleudert, vom Kind getrennt.
Sie greift ins Dunkel zurück, es an sich zu reißen, findet’s nicht mehr, findet, zurückgestoßen, die Waffe, aus der Lade geschüttet, vom Boden gelesen, schon im Griff ihrer Hand, schreit gegen den Dieb, Kinderdieb, bis – in zuckendem Lichtstoß – zwei Fenster bersten, ihre Hand im Scherbenregen auf leergeschüttelte Wände zielt, schwarz fällt, die Niedergerissene, durchs Dunkel, Wasser, brechenden Mörtel, am Teppich verkrallt, zu kriechen sich müht, schreit, überschrien vom Lärm, der, mehr noch als Schlagen des Bodens, sie einkrümmt, niederprügelnd sie einfängt, das Bein ihr durchnagelt im Balken, das Becken im Deckbruch zerquetscht, ihren Atem zangenzerreißt, unterm Schuttwalm beinah begräbt.“

Patrick Roth: Die Nacht der Zeitlosen. Frankfurt am Main 2001, S. 9; S. 17; S. 143; S. 145.