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Repetitive homodiegetische interne Analepsen

Repetitive homodiegetische interne Analepsen

Manchmal werden in Erzählungen kleinere Hinweise gegeben, die später bedeutsam werden oder aber Geschehnisse und Aussagen bekommen vom Ende her gesehen eine andere Bedeutung. Ebenso kann es Mutmaßungen geben, die später verworfen werden müssen. Kriminologen konstruieren permanent neue Ereignisfolgen, um zu ermitteln, wie die fehlende Mordsequenz analeptisch gefüllt werden muss.
Jede erneute Sicht auf Vergangenes, jede neue Interpretation oder Gewichtung einer bereits gegebenen Information trägt in der Narratologie den Namen repetitive homodiegetische interne Analepse: „Diese zurückgreifenden Analepsen sind vom Textumfang her natürlich meist klein: es sind eher Anspielungen der Erzählung auf ihre eigene Vergangenheit, etwas, was Lämmert Rückgriffe nennt.“ (S. 36) Verwiesen wird auf Eberhard Lämmerts Buch „Bauformen des Erzählens“ von 1955, das sich vor allem mit Kategorien der Ordnung beschäftigt und einen der wichtigsten deutschen Beiträge zur Erzählforschung der 50er Jahre darstellt.

In E. T. A. Hoffmanns Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ wird mit derartig gestalteten Analepsen das unheimliche Geschehen, das mit dem Mord an einem Juwelier zusammenhängt, aufgelöst. In das Haus der Scuderi dringt zu Beginn der Erzählung ein Fremder ein, bedroht die Martiniere und hinterlässt ein Schmuckkästchen. Im weiteren Verlauf der Handlung besinnen sich Erzähler und Figuren noch oft dieses Ereignisses. Im ersten Textzitat ist es die Dienerschaft des Fräuleins:

„Die Martiniere, von ihrer Todesangst befreit, erzählte, wie sich alles begeben. Beide, sie und Baptiste, gingen in den Hausflur, sie fanden den Leuchter auf dem Boden, wo der fremde Mensch ihn im Entfliehen hingeworfen. ,Es ist nur zu gewiss‘, sprach Baptiste, ,dass unser Fräulein beraubt und wohl gar ermordet werden sollte. […]‘“

E. T. A. Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi. Stuttgart 2002 (= RUB 25), S. 7.


Monate später taucht der Fremde erneut auf und erschreckt die Martiniere so sehr, dass sie ohnmächtig wird.

„Die Scuderi goss ihr Riechfläschchen über die ohnmächtige Frau aus, die endlich die Augen aufschlug und zitternd und bebend, sich krampfhaft festklammernd an die Herrschaft, Angst und Entsetzen im bleichen Anlitz, mühsam stöhnte: ‚Um der heiligen Jungfrau willen! was wollte der fürchterliche Mensch? – Ach! Er war es ja, er war es, derselbe, der Euch in jener schauervollen Nacht das Kästchen brachte!‘“

E. T. A. Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi. Stuttgart 2002 (= RUB 25), S. 30.