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Kompletive homodiegetische interne Analepsen

Kompletive homodiegetische interne Analepsen

Wie bereits erwähnt schließt eine kompletive homodiegetische Analepse eine frühere Lücke der Erzählung. So ist die Haupttätigkeit der Protagonisten eines Kriminalromans nichts anderes als die Ermittlung und Füllung einer Analepse – eines Mordgeschehens. Wird der Mord geschildert und ist sogar der Mörder bekannt, verlegt sich das Interesse des Lesers und der Handlungsschwerpunkt des Erzählers noch mehr auf die verschlungenen Wege des Ermittelns, als wenn Person und Umstände unbekannt sind und auch diese entschlüsselt werden müssen.
‚Lücken’ in einer Erzählung können zeitlich (Ellipse), aber auch inhaltlich sein (Paralipse). Im Fall einer Ellipse wird in der Erzählung Zeit übersprungen, zum Beispiel als Peter und Anna in die Schule gegangen sind und die Mutter die Geburtstagsfeier für den Nachmittag vorbereitet: „Frau Anderson backte einen neuen Kuchen und schmückte das Wohnzimmer. Um 12 Uhr war sie endlich mit ihrem Werk zufrieden. Als schließlich Anna und Peter gegen eins aus der Schule kamen, waren sie begeistert.“ In einer Analepse könnte später nachgetragen werden, was in der Stunde geschehen ist, die in der Erzählung fehlt.
Vorstellbar wäre aber auch, dass die Information, dass Frau Anderson einen neuen Kuchen backt, weggelassen und später erst nachgetragen wird: „Jetzt war der Moment da. Peter hielt den Atem an. Wenn jetzt der Kuchen von seiner Mutter hereingebracht wurde, würden alle sehen, dass ein Stück fehlt und alle würden auf ihm herumhacken. Er machte die Augen zu. Aber nichts geschah. Um ihn herum freuten sich alle und klatschten. Peter machte die Augen wieder auf. Der Kuchen war ja ganz! Seine Mutter musste einen neuen gebacken haben!“
Auf Ellipsen wird in der folgenden Lerneinheit zur Dauer noch einmal eingegangen.

In Christa Wolfs Erzählung „Blickwechsel“ wird der nächtliche Traum einer Figur am kommenden Morgen während der Weiterreise analeptisch evoziert. Die so entstandene Ellipse zwischen Einschlafen und Aufwachen wird mit einer kompletiven homodiegetischen internen Analepse nachträglich ‚gefüllt‘:

„Ich versuchte, mir mit dem Arm beim Schlafen die Nase zuzuhalten. Mein Großvater, der fast taub war, begann, wie jeden Abend laut sein Vaterunser aufzusagen, aber bei Und vergib uns unsere Schuld rief meine Großmutter ihm ins Ohr, daß er die Leute störe, und darüber kamen sie in Streit. Der ganze Saal konnte ihnen zuhören, wo früher nur ihre alten knarrenden Holzbetten Zeuge gewesen waren und das schwarzgerahmte Engelsbild mit dem Spruch: Wenn auch der Hoffnung letzter Anker bricht, verzage nicht!
Bei Morgengrauen weckte uns Kalle. […] Wir alle durften aufsitzen, und unser Handwagen wurde an der hinteren Wangenrunge festgezurrt. […] Dann begann es dicht hinter uns zu schießen, und wir zogen in beschleunigtem Tempo ab. Der Liebe Gott verläßt die Seinen nicht, sagte meine Großmutter. Ich aber hatte in der Nacht zum letztenmal den Kindertraum geträumt: […] Diese Nacht nun hatte ich ihm im Traum bündig mitteilen können, daß ich jegliche Angst, sogar die Erinnerung an Angst vor ihm verloren hatte […].“

Christa Wolf: Blickwechsel. In: Dies.: Gesammelte Erzählungen. Berlin und Weimar 1989, S. 5–25; hier S. 10f.