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Vorhalte

Vorhalte

Prolepsen, die lediglich allusiv sind und eine Erwartung wecken, werden von Genette Vorhalte genannt. Sie bieten nur erste Anhaltspunkte und sind Indizien für spätere Geschehnisse. Vorhalte sind beliebte Mittel unheimlicher Erzählweise:

„Ich war den ganzen Tag lang geritten, einen grauen und lautlosen, melancholischen Herbsttag lang – durch eine eigentümlich öde und traurige Gegend, auf die erdrückend schwer die Wolken herabhingen. Da endlich, als die Schatten des Abends herniedersanken, sah ich das Stammschloß der Usher vor mir. Ich weiß nicht, wie es kam – aber ich wurde gleich beim ersten Anblick dieser Mauern von einem unerträglich trüben Gefühl befallen. Ich sage unerträglich, denn dies Gefühl wurde durch keine der poetischen und darum erleichternden Empfindungen gelindert, mit denen die Seele gewöhnlich selbst die finstersten Bilder des Trostlosen oder Schaurigen aufnimmt.“

Edgar Allan Poe: Der Untergang des Hauses Usher. In: Ders.: Der Untergang des Hauses Usher und andere Geschichten von Schönheit, Liebe und Wiederkunft. Zürich 1984, S. 81–105; hier S. 81.


Die Wendung „unerträglich trübes Gefühl“ ist interpretatorisch eindeutig, kann jedoch als Indiz für spätere Ereignisse gewertet werden. Der Ich-Erzähler hat eine Vorahnung, die sich so auf den Leser überträgt, der seinerseits von da an Unheimliches erwartet.
Das Problematische an dieser Kategorie ist die Tatsache, dass ein Vorhalt – im Gegensatz zu den anderen Formen der Anachronie – fast ausschließlich über inhaltliche Merkmale erschlossen werden kann.