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Interne Prolepsen

Interne Prolepsen

Eine interne Prolepse nimmt einen Teil des narrativen Inhalts der Basiserzählung vorweg und kann dadurch Spannung erzeugen, wenn sie geschickt eingesetzt wird. Die Gefahr ist jedoch groß, dass zu viel verraten wird und die Erzählung an Reiz verliert. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Prolepse Erzählinhalte vorwegnimmt, die dadurch erwartbar werden („auch sie sollte diese Hölle am nächsten Tag durchleben“). Wenn allerdings Gefühle oder Reaktionen antizipiert werden („sie sollte dieses Gefühl noch kennen lernen“), kann das zu erhöhter Aufmerksamkeit des Lesers führen – und dadurch zur Spannungssteigerung.

Interne Prolepsen sind häufig in Erzählungen des 19. Jahrhunderts zu finden, ab und zu aber auch in Romanen der Gegenwart. In „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“ der zeitgenössischen Autorin Kathrin Schmidt werden zum Beispiel eine internationale Ballonfahrt und der Tod einer Figur wie folgt vorweggenommen:

„Das rasche Begreifen des Verschwindens ihrer Tochter in gegenläufiger Richtung […] verhinderte nicht, daß sich die Hoffnung, man könnte einander eines Tages unverhofft begegnen, unter ihrer Haut nährte und auswuchs. Mit ähnlicher Hoffnung sollte Therese eines Tages einen zum Zwecke grenzüberschreitenden Luftverkehrs genähten Ballon füllen, indem sie ihn aufblies, um dann im Angesicht der nach Süden entfliegenden Josepha friedlich zu sterben.“

Kathrin Schmidt: Die Gunnar-Lennefsen-Expedition. 3. Auflage. Köln 1998, S. 13.


Das in der Textpassage noch unbestimmte Ereignis („eines Tages“) tritt viele Seiten später als Handlungssegment der Basiserzählung tatsächlich ein.

„Die Näharbeit erweist sich als ein riesiger gurkenförmiger Sack, mit dem Josepha zunächst nicht viel anfangen kann. Allerdings erinnert sie das Rascheln des über den Fußboden schurrenden Materials an jenes Geräusch, dessen Ursprung sie in den letzten Wochen nicht hatte feststellen können. Imaginäre Leinwand, sagt da Therese, damit kommst überall hin. Ein Luftschiff hat sie genäht, den Nachkommen freien Abzug zu gewähren aus ihren und des hiesigen Staatswesens Lebensarten. Am selben Abend noch sieht man Josepha mit Therese und dem Kinderwagen des kleinen Shugderdemydin zu Schröders Teichen ziehen. Ein Abendspaziergang in frischer Luft, könnte man meinen, wäre da nicht die Vielzahl von Gepäckstücken, die sie dem Gefährt aufgebürdet haben und nun durch den Nebel karren. Auf der Obstwiese setzt sich Therese ins Gras, schnieft vernehmlich durch die geblähten Nüstern und bittet Josepha, sich, dem Kind und dem Gepäck die Stoffhülle überzuziehen. Alsdann bläst sie durch ein Staubsaugerrohr, das sie mit den Lippen fest umschließt, die warme Luft ihrer Lungen in den Sack und all ihre Hoffnung, die jener Zuversicht sehr ähnelt, die sie nach dem Ende des letzten Krieges unter ihrer Haut hatte heranreifen lassen: Man würde sich eines Tages wiederbegegnen. Therese stirbt, unbemerkt von Josepha, die aufsteigt in einen versiebten Himmel.“

Kathrin Schmidt: Die Gunnar-Lennefsen-Expedition. 3. Auflage. Köln 1998, S. 423f.