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Externe komplette Analepsen

Eine komplette Analepse dagegen erreicht die Basiserzählung wieder, so dass es zu keinem Kontinuitätsbruch kommt. Das zeigt sich deutlich bei dem folgenden Ausschnitt aus einer Erzählung Brechts:

„Meine Großmutter war zweiundsiebzig Jahre alt, als mein Großvater starb. Er hatte eine kleine Lithographenanstalt in einem badischen Städtchen und arbeitete darin mit zwei, drei Gehilfen bis zu seinem Tod. Meine Großmutter besorgte ohne Magd den Haushalt, betreute das alte, wacklige Haus und kochte für die Mannsleute und Kinder. Sie war eine kleine magere Frau mit lebhaften Eidechsenaugen, aber langsamer Sprechweise. Mit recht kärglichen Mitteln hatte sie fünf Kinder großgezogen – von den sieben, die sie geboren hatte. Davon war sie mit den Jahren kleiner geworden. Von den Kindern gingen die zwei Mädchen nach Amerika, und zwei der Söhne zogen ebenfalls weg. Nur der Jüngste, der eine schwache Gesundheit hatte, blieb im Städtchen. Er wurde Buchdrucker und legte sich eine viel zu große Familie zu. So war sie allein im Haus, als mein Großvater gestorben war.
Die Kinder schrieben sich Briefe über das Problem, was mit ihr zu geschehen hätte. Einer konnte ihr bei sich ein Heim anbieten, und der Buchdrucker wollte mit den Seinen zu ihr ins Haus ziehen. Aber die Greisin verhielt sich abweisend zu den Vorschlägen und wollte nur von jedem ihrer Kinder, das dazu imstande war, eine kleine geldliche Unterstützung annehmen. […] Der Buchdrucker übernahm es auch, seinen Geschwistern mitunter über die Mutter zu berichten. Seine Briefe an meinen Vater und was dieser bei einem Besuch und nach dem Begräbnis meiner Großmutter zwei Jahre später erfuhr, geben mir ein Bild von dem, was in diesen zwei Jahren geschah.“

Bertolt Brecht: Die unwürdige Greisin. In: Ders.: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Band 11: Prosa I. Frankfurt am Main 1967,
S. 315–320; hier S. 315f.


Die Erzählung basiert auf einer Schilderung des Lebens der Großmutter nach dem Tod des Großvaters, die Familiengeschichte vor diesem Ereignis ist daher zwar wichtig für das Verstehen der Erzählung, aber nicht Teil der Basiserzählung. Man sieht sehr deutlich, dass komplette Analepsen schwer zu isolieren sind, da ihr direkter logischer Anschluss an die Basiserzählung sie häufig eng mit ihr verzahnt, so dass eine Trennung kaum möglich zu sein scheint.

Die unterschiedlichen Funktionen dieser beiden Arten von externen Analepsen beschreibt Genette folgendermaßen:

„Die erste hat nur den Zweck, dem Leser eine einzelne Information zu verschaffen, die nötig ist, um ein bestimmtes Element der Handlung zu verstehen, die zweite, eng verknüpft mit der Praxis des in medias res-Anfangs, zielt darauf, die gesamte narrative ‚Vorgeschichte‘ aufzuhellen [...].“ (S. 42)

Aus ihren unterschiedlichen Funktionen leitet sich das quantitative Gewicht der Analepsen ab. Komplette Analepsen umfassen meist sehr viel größere Sequenzen als partielle.