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Ordnung

Die Zeit der Erzählung I: Ordnung

Anachronien: Temporale Ordnung

„Die temporale Ordnung einer Erzählung zu studieren, heißt die Anordnung der Ereignisse oder zeitlichen Segmente im narrativen Diskurs mit der Abfolge derselben Ereignisse oder zeitlichen Segmente in der Geschichte zu vergleichen […].“ (S. 22)

Wie bereits angedeutet, ist nicht zu erwarten, dass sich eine Erzählung an die temporale Ordnung der ihr zugrunde liegenden Geschichte hält. Stattdessen wird es fast immer zu „verschiedenen Formen von Dissonanz zwischen der Ordnung der Geschichte und der Erzählung“ kommen (S. 23). Diese hinsichtlich einer Chronologie fehlende Übereinstimmung zwischen Geschichte und Erzählung bezeichnet Genette als Anachronie.
Um Anachronien erkennen zu können, muss man wissen, wie man Geschichte und Erzählung überhaupt zueinander in Beziehung setzen kann. Es bedarf einer Basiserzählung, eines provisorischen ‚Nullpunkts‘. Im Verhältnis zu ihm definieren sich vorweggenommene und im Nachhinein erzählte Ereignisse als von der Chronologie abweichende Begebenheiten.
Im einleitenden Teil zu diesem Kurs wurde anlässlich der Segmentierung bereits auf die Schwierigkeiten bei der Bestimmung der Basiserzählung eingegangen. Basiserzählungen müssen aus einer Erzählung heraus ermittelt werden, und das heißt, dass entschieden werden muss, welche Sequenzen den Anfang und das Ende der Narration markieren. Eine Leitfrage zur Ermittlung der Basiserzählung muss deshalb sein: An welchen Stellen markiert der Erzähler den Beginn seines Erzählens? Da die Sequenzen in Erzählungen nicht unbedingt chronologisch angeordnet sind, muss der Beginn der Erzählung nicht immer auch der Beginn der Basiserzählung sein. Oft wird beispielsweise zunächst die Vorgeschichte präsentiert, um die Basiserzählung kohärent anschließen zu lassen. Ein Erzähler signalisiert deren Beginn dann häufig durch Wendungen wie „Aber an diesem bestimmten Donnerstag sollte alles anders werden.“ Was eine Basiserzählung ist, wird Ihnen anhand der Beispiele noch klarer werden. Sie lässt sich theoretisch schwer bestimmen. Im Moment genügt der Hinweis, dass eine Basiserzählung der Teil der Erzählung ist, der als solcher – wie eben beschrieben – durch den Erzähler bestimmt wird und sich mit der Geschichte deckt.
Zeitliche Abweichungen von einer Basiserzählung sind als Anachronien zu bestimmen. Die Geschichte und die Erzählung von Peter beispielsweise überschneiden sich inhaltlich, hinsichtlich ihrer chronologischen Präsentation aber nur für den Morgen, als die Mutter das Fehlen des Kuchens entdeckt. Die Basiserzählung setzt demnach mit dem Entdecken des Kuchenraubs und dem Erwachen Peters ein. Was in der Geschichte vorausgeht – das Essen des Kuchens in der Nacht – ist nicht Teil der Basiserzählung, sondern als Anachronie in die Erzählung eingefügt („Na ja, ich hatte heute Nacht Hunger.“).
Das Problem besteht vor allem darin, dass die Ermittlung einer Basiserzählung bei etwas komplexeren Fällen als dem Peter-Beispiel stark subjektiv und interpretatorisch sein kann. In der Einleitung zu diesem Kurs wurde anlässlich der Segmentierung der Erzählung Thomas Bernhards bereits kurz darauf verwiesen.

Anachronien sind erkennbar, wenn eine Erzählung unterbrochen wird, um einen narrativen Inhalt einzuschieben, der zeitlich von dem Moment der Geschichte entfernt ist, an dem die Erzählung der Anachronie Platz machen muss. Wie weit sich die Anachronie von dem Moment des Erzählens entfernt, bestimmt ihre Reichweite. Zur Geschichte von Peters nächtlichem Kuchenessen gehört natürlich sein Ausflug in die Küche während der Nacht. In der Erzählung allerdings ist er nicht Teil der Basiserzählung, sondern ein anachronischer Einschub mit einer mehrstündigen Reichweite. Der Umfang der Anachronie dagegen bestimmt sich durch die Dauer, die sie abdeckt. Man muss sich also fragen, wie viel von der Geschichte durch die Anachronie abgedeckt wird.