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Segmentierung: Ror Wolf "Aussicht"

Segmentierung Ror Wolf: „Aussicht“

| (A) Ich möchte Ihnen vorschlagen, einmal aus dem Fenster zu sehen, sagte der am Anfang des Stichworts auftretende Nagelschmitz, es ist etwas Rötliches in der Luft. | (B) Ich erinnere mich gut daran, heute, Samstag, September. | (A) Etwas Rötliches, sagte Nagelschmitz. | (C) Die Vorhänge begannen zu wehen, | (D) Nagelschmitz trat auf | (E) und sagte, | (F) wobei er das Fenster schloß: | (E) Sehen Sie, etwas Rötliches. Hier am Fenster werden Sie eine vorzügliche Aussicht haben. Was zu sehen ist, ist zwar nicht schön, aber nach ein paar Tagen wird Sie das nicht mehr stören, und was Sie hören, wird Sie auch nicht mehr stören. – Das waren die Worte von Nagelschmitz. | (D) Er trat auf | (G) und verschwand. | (H) Ich beschäftigte mich zu dieser Zeit hauptsächlich mit der Betrachtung der Fürchterlichkeiten, | (I) die sich vor sämtlichen Fenstern zutrugen, der Entsetzlichkeiten und Schrecklichkeiten, | (J) ich machte dabei wiederholt Gebrauch von einem Fernglas, das sich in meinem Reisegepäck befand. Meine Betrachtungen waren ganz unvermeidlich, etwas zwang mich dazu, die Welt vor den Fenstern zu betrachten, vor sämtlichen Fenstern an denen ich stand, ich konnte mich diesem Zwang nicht entziehen, | (K) ich betrachtete alles mit größter Gelassenheit. | (a) Ich sah eine große Menge gleichbleibender Einzelheiten. | (b) Ich unterschied deutlich Berge und Täler, die Umrisse von Ortschaften, von Flüssen durchflossen, natürlich auch eine Reihe bisher kaum beachteter Punkte. Die kleinen und großen Ereignisse lagen bewegungslos vor den von Vogelkot und schwarzem Regen bespritzten Fensterscheiben. | (L) Was sehen Sie? fragte der hereintretende Nagelschmitz. | (M) Nicht viel, sagte ich, vielleicht ein paar kleine Veränderungen, aber nichts Besonderes, nichts Auffälliges. | (N) Dann aber sah ich doch etwas, etwas wie mir schien Unerhörtes. | (O) Allerdings geschah das Unerhörte in so großer Entfernung, | (P) daß niemand von uns, weder Wobser, | (Q) der gerade hereinkam, | (P) noch Nagelschmitz, der neben mir stand, zu behaupten wagte, er habe von diesem Vorgang auch nur ein kleines Stück erkennen können. | (R) Etwas scheint in der Luft zu hängen, sagte Jorgenzeitz, | (S) der gerade hereingekommen war. | (T) Als Masal hereinkam | (U) begann plötzlich das Laub von den Bäumen zu fallen. | (V) Ich sah die auf der Wasserfläche schwimmenden Blätter von der Größe eines Speisezimmertisches. An den aufgestülpten blassroten Rändern sah ich die an der Unterseite wachsenden Stacheln. Ich sah die salatschüsselgroßen Blüten auf dieser speisezimmertischgroßen Pflanze, | (W) die sich zwischen fünf und sechs Uhr abends zu öffnen begannen, um uns, die Beobachter, zu überraschen. | (X) Ich sah ein zigarrenartiges Dahinfliegen vor dem Fenster, | ich sah die vom Wind vorbeigetriebenen Bäume und Büsche, und | (Y) die anderen Beobachter sahen das auch, Lemm, Wobser, Collunder, Nagelschmitz, Jorgenzeitz. | (Z) Etwas Langes schwebte ganz weich vorbei, ein zigarrenartiger Körper, der in der Luft auseinanderbrach und danach zu Boden fiel, in den Schnee, | (AA) der sich weich über diesen ganz allgemeinen Zustand gelegt hatte. | (BB) Ich sah die mit Staub bedeckten Fliegen auf den Fensterscheiben, die mit einem zarten weißen Schimmel überzogenen Fliegen. | (CC) Nagelschmitz sagte etwas. | (DD) Auch Wobser, Collunder, Lemm, Ramm, Moll, Mauch, Schwenk, Masal, Netzenstein, Jorgenzeitz, Schnemo und Scheizhofer sagten etwas. | (EE) Danach schwiegen sie alle, und | (FF) ich sagte auch nichts mehr. Siehe: Stille.

Ror Wolf: Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille. Frankfurt am Main 2005, S. 13–15.