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Interne und externe Diachronie / interne Determination und Spezifikation

Interne und externe Diachronie/interne Determination und Spezifikation

Iterative Einheiten sind nicht unbedingt nur isolierte Phänomene, die keinerlei inhaltliche Veränderung transportieren und lediglich auf die Wiederholung des immer Gleichen pochen. Sie können auch die reale, externe Diachronie berücksichtigen und in der internen Diachronie Veränderungen darstellen, die sich im Lauf der Zeit ergeben haben. So berichtet der Ich-Erzähler in Judith Hermanns Erzählung „Sonja“ von den Unternehmungen mit Sonja, die mit der Extension „Sommer“ angegeben sind. Die Freizeitaktivitäten sind offensichtlich stets dieselben, lediglich Sonjas Aussehen belegt, dass Zeit vergeht:

„Dieser Sommer war Sonjas Sommer. Wir fuhren zum Rudern hinaus an die Seen, und ich ruderte Sonja über das spiegelglatte, schilfgrüne Wasser, bis mir die Arme schmerzten. Wir aßen am Abend in den kleinen Gaststätten der Dörfer – Schinkenplatten und Bier –, und Sonja bekam rote Wangen und ganz sonnenhelles Haar.“

Judith Hermann: Sonja. In: Dies.: Sommerhaus, später. Frankfurt am Main 2000, S. 55–84; hier S. 76.


Dass singuläre Ereignisse iterative Reihen unterbrechen und auf diese Weise determinieren, wurde bereits angesprochen. Das muss jedoch nicht sein. Eine singuläre Einheit kann auch ebenso gut der Illustration dienen: „Peter saß in der Schule und war unkonzentriert. Immer und immer wieder fiel ihm ein, wie ärgerlich seine Mutter und seine Schwester auf ihn sein mussten. Wie sollte man da aufpassen! Da, schon rief ihn Herr Schulz, der Mathelehrer, an die Tafel. Und natürlich versagte er.“ Man kann das singuläre Aufrufen des Lehrers mit anschließendem Versagen Peters mit gutem Grund als Beleg für seine Unkonzentriertheit sehen. Für eine Determination spräche ein Satz wie: „In der dritten Stunde gegen halb elf rief ihn Herr Schulz, der Mathelehrer, an die Tafel.“
Folglich muss man unterscheiden „zwischen solchen [Episoden], die eine determinative Funktion haben, und solchen, die sie nicht haben“. (S. 94)

Bei internen Determinationen finden sich meist singuläre Einschnitte in iterativen Reihen, wie hier im Leben des Ich-Erzählers von „Sonja“, wo die plötzliche Ankunft Verenas zwei iterative Reihen (blau markiert) trennt:


„Ende März schmolz der letzte Schnee von den Dächern und die Mauersegler kamen zurück. Ich schenkte den Türkenjungs einen neuen Fußball und schnitt mir die Haare kurz. Ich wartete auf irgend etwas, und als eines Abends Verena plötzlich vor der Tür stand, hörte ich auch damit auf. Ich war angekommen. Ich schlief abends neben Verena ein, ich wachte morgens neben ihr auf [...].“

Judith Hermann: Sonja. In: Dies.: Sommerhaus, später. Frankfurt am Main 2000, S. 55–84; hier S. 73.