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Typen iterativen Erzählens III

2. die interne oder zusammenfassende Iteration: Genette nennt diesen Typ so, „da die iterative Syllepse hier nicht eine ausgedehntere äußere Dauer, sondern die innere Dauer der Szene selber zum Gegenstand hat“. (S. 85) Bei der zusammenfassenden Iteration werden Ereignisse, aus denen sich eine singuläre Szene zusammensetzt, zu Klassen zusammengefasst. Hinweise dafür sind Wendungen wie „jedesmal wenn“ und „immer wieder“.


„Er ließ sich durch Frédérics Anwesenheit nicht stören. Er wandte sich sogar mehrmals zu ihm und zwinkerte ihm einverständnisheischend zu; danach bot er allen in seiner Umgebung Zigarren an. Aber schließlich langweilte ihn diese Gesellschaft wohl, und er entfernte sich. Frédéric folgte ihm.“

Gustave Flaubert: Die Erziehung des Herzens. Zürich 1979, S. 11.


Das mehrmalige Zuwenden und Zwinkern wirkt singulär, weil es nur einmal erwähnt wird, ist aber tatsächlich iterativ, da es „mehrmals“ stattfindet. Gleichzeitig leitet dieses scheinbare singuläre Erzählen zum tatsächlichen singulären Erzählen über – „er“ entfernt sich von der Gesellschaft.

Mit dem Begriff Pseudo-Iterativ schließlich werden Szenen bezeichnet, „die [...] als iterative präsentiert werden, obwohl wegen des Reichtums an äußerst genauen Details kein Leser ernsthaft meinen wird, daß sie sich mehrmals ohne jede Variation so und nicht anders ereignet haben“ (S. 86f.).

„[D]er Pseudo-Iterativ stellt in der klassischen Erzählung für gewöhnlich eine Figur der narrativen Rhetorik dar, die nicht buchstäblich genommen werden will, im Gegenteil: Die Erzählung behauptet dem Buchstaben nach ‚dies geschah alle Tage‘, um figürlich zu verstehen zu geben: ‚dergleichen geschah alle Tage, wofür dies hier ein Fall unter anderen ist‘.“ (S. 87)

Die folgende Abschiedsszene ist so detailliert beschrieben, als wäre sie singulär. Der erste Satz weist sie allerdings als iterativ aus – das Geschehen soll sich acht Jahre lang täglich genau so zugetragen haben, was kaum vorstellbar ist:


„Heinrich Cresspahl hatte seine Tochter an die Haustür gebracht acht Jahre lang. Er lehnte am Rahmen und redete sozusagen ein letztes Wort mit ihr, sie stand vor ihm mit den Händen rücklings und sah ihn nicht an, sie blickte auf und lachte in ihrem Gesicht, sie sprang um ihn herum und drohte ihm und wies ihn zurecht, sie ging neben ihm zur Bordkante und sah ihn noch einmal kurz an und nickte, bevor sie an der sowjetischen Stadtkommandantur entlang zur Schule ging und später zum Bahnhof; und Cresspahl stand mächtig vor seinem Haus und ragte mit seiner Tabakspfeife vor in die Gegend und brachte das Wetter des jeweiligen Tages in seine Erfahrung. Übrigens sagte er wohl jeden Morgen ungefähr dasselbe.“

Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob. Frankfurt am Main 1973, S. 9f.


Cresspahl bringt also seine Tochter über acht Jahre hinweg an jedem Schultag zur Haustür. Während das leicht nachzuvollziehen ist, scheint es unglaubwürdig, dass sie ihn beim Abschied jedes Mal zuerst nicht anschaut, dann aufblickt, lacht und um ihn herumspringt. Es muss mindestens einen Tag gegeben haben, bei dem das Ritual anders ablief, an dem die Handlungen in anderer Reihenfolge durchgeführt wurden, auf Teile (zum Beispiel wegen Regens) verzichtet wurde, Vater oder Tochter es eilig hatten oder einer von beiden krank war. Es wird behauptet, der Ablauf sei jeden Tag derselbe gewesen, dennoch trägt die Schilderung im zweiten Satz singuläre Züge. Zweifel an einer tatsächlich identischen Wiederholung werden dann im letzten Satz geäußert: „ungefähr dasselbe“ meint eben nicht wirklich dasselbe. Mit diesem letzten Satz wird der Iterativ als Pseudo-Iterativ entlarvt.

Einen Pseudo-Singulativ oder Pseudo-Singulär erwähnt Genette nicht. Dieser Typ wäre dann gegeben, wenn ein Geschehen singulär bzw. singulativ zu sein scheint, aber tatsächlich öfter geschehen wäre.



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